Donnerstag, 28. Januar 2016

Favoriten und Mental Space


Am 22. Januar 2016 hat die Galerie Obrist die Ausstellung FAVORITEN mit ausgewählten neuen Arbeiten von Marcela Böhm, Simone Haack, Armin Hartenstein, Bodo Korsig, Jürgen Paas und Dirk Salz eröffnet. Gleichzeitig wurde im Basement der Galerie die mental space gallery eröffnet, der von Roman Zheleznyak geleitete junge Raum für aktuelle Kunst. Der mental space zeigt die Ausstellung “why not” von Marije Vermeulen und Guido Nieuwendijk.

FAVORITEN.
Marcela Böhm, Simone Haack, Armin Hartenstein, Bodo Korsig, Jürgen Paas, Dirk Salz
23. Januar – 20. Februar 2016

mental space #11
why not – Marije Vermeulen und Guido Nieuwendijk
23. Januar – 20. Februar 2016

Galerie Obrist / mental space, Kahrstraße 59, 45128 Essen
galerie-obrist.de
Mi - Fr 12-18 Uhr, Sa 10-16 Uhr

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Die Melancholie der Vergänglichkeit im Lebendigen

Thomas Gatzemeier wuchs in Döbeln/Sachsen auf, schloss 1971 die Schule mit der Mittleren Reife ab und wurde zum Schrift- und Plakatmaler ausgebildet. Nach Grundwehrdienst und einer kurzzeitigen Beschäftigung als Steinmetzgehilfe begann er 1975 ein Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Arno Rink und Volker Stelzmann. Nach seiner umstrittenen Diplomarbeit arbeitete Gatzemeier von 1980 bis 1986 als freiberuflicher Künstler in seiner Heimatstadt, stellte 1984 einen Ausreiseantrag und erhielt Ausstellungsverbot. 1986 wurde er ausgebürgert, zog nach Karlsruhe und arbeitet seither dort als freier Künstler. Seit 2006 hat er ein weiteres Atelier in Leipzig.
„Meine Modelle sind meist Frauen. Oft junge Frauen. Sie sind nicht erotisch dargestellt, obwohl Erotik eine schöne Obsession in der Kunst ist, die den Betrachter als Ziel im Auge hat. Ich bezeichne meine Darstellungen eher als sinnlich. Sinnlich kann zwar auch eine Form von Erotik sein, sie ist von mir aber nicht vordergründig so gemeint – oder doch, wenn es der Betrachter so möchte. Pathetisch ausgedrückt will ich des Betrachters Sinne öffnen und das Schöne darstellen. Die dargestellten Nackten nehmen selten Kontakt mit dem Betrachter auf. Sie sind in sich. Während der andere Pol, die Begierde, ein Besitzenwollen impliziert, versuche ich Entrücktheit darzustellen. Eros und Thanatos sind die Eckpunkte, welche mein Werk mäandernd durchziehen. Die Melancholie der Vergänglichkeit im Lebendigen darstellen – das will ich“ (Thomas Gatzemeier)


"Hermann" by #Photographer HORST KISTNER - #PictureOfTheDay - ONE EYELAND 2014-11-02:










Thomas Gatzemeier im Atelier (Foto: Horst Kistner)       
Horst Kistner: Hermann


Horst Kistner, 1969 in Würzburg geboren, erlernte den Beruf eines Fotografen an der 1866 gegründeten Berufsfachschule Lette-Verein in Berlin. Danach arbeitete er 22 Jahre als Food und Werbefotograf für Verlage wie GU, Bertelsmann und Time Life in London. 2010 beendete er die Karriere als Auftragsfotograf und widmet sich seinen Leidenschaften. Er sammelt Oldtimer und Vintage Möbel, 2013 baute er die erste Installation aus gesammelten Möbeln und fotografiert in ihr ein Model. Im gleichen Jahr hatte er die erste Ausstellung in Paris. Horst Kistner ist die Ausnahmeerscheinung der deutschen Fotokunst, ein Lichtbildner alter Schule. Das Hell-Dunkel seiner Kompositionen hat engen Bezug zur klassischen Malerei, sein Auge schult Kistner an Caravaggio und Rembrandt. Motivisch inspirieren ihn die amerikanischen Filme der 1950er Jahre und Alfred Hitchcock. Unübersehbar ist auch der Einfluss der Maler des amerikanischen Realismus, insbesondere der des nicht nur durch sein Bild „Nighthawks“ weltberühmt gewordenen Malers Edward Hopper. Seine sinnlichen, oft auch melancholischen, Kompositionen sind einzigartige mit Licht gemalte Fotografien.
Horst Kistner lebt in Karlsruhe und hat ein reserviertes Zimmer in einem kleinen Pariser Hotel. 

Bis 21.11.2015, Galerie Ricarda Fox, Liverpoolstr. 15, 45470 Mülheim, Fr.u.Sa. 12-16 Uhr u.n.V.

Dienstag, 27. Oktober 2015

HILKE TURRÉ (Skulptur), HEINZ HEISTER (Fotografie), SUMIN (Keramik) - "SILENCE"

Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.(Johann Christian Friedrich Hölderlin 1770 – 1843)
„Stille“ ist Bedingung für vielerlei Tätigkeiten und Bewusstheits-zustände ja für Kultur überhaupt. Eine Ästhetik der Stille beschreibt die Vollkommenheit der Sinneswahrnehmungen, die im Ursprünglichen und Schönen an sich ihren höchsten Ausdruck findet. Stille und Schönheit entstehen durch das wahrnehmende Subjekt, den Künstler, der das Kunstwerk schafft und den Betrachter, dem sich die Stille darüber eröffnet und dem er mit Stille begegnet. Durch Achtsamkeit und kontemplative Betrachtung wird er Kunstwerke als Kunstwerke erleben und eine Ahnung davon bekommen können, was wahre Stille ist. Demjenigen, der sich darauf einlässt werden die Arbeiten einen ursprünglichen und schöpferischen Zugang zur Wirklichkeit gewähren.

Die neuen, bis auf das Wesentliche reduzierten Menschenbilder von Hilke Turré veranschaulichen wieder einmal mehr die kontemplative Besinnung auf gemeinsame Wurzeln und Ideen.

Puristisch orientierte und auf die Wiedergabe wesentlicher Elemente und Lichtstimmungen reduzierte Fotografien von Heinz Heister versetzen den Betrachter in die faszinierende Lautlosigkeit schöpferischer Natur.

SuMin verbindet Elemente moderner westlicher Kunst mit den inhaltlichen Konzepten östlicher Philosophie und gestaltet aus der Fülle des Tons eine Leere, in der der Klang der Stille wohnt.

 Bis 23.9. 2015, Galerie Ricarda Fox, Mülheim, Fr+Sa 12-16 Uhr u.n.V.

Serielle Arbeiten

In "en série" sehen Sie Arbeiten auf Papier und Leinwand, Fotografien und Druckgraphiken, die als Bildserien entstanden sind oder die  serielle Elemente beinhalten. Viele der ausgewählten abstrakten Bilder zeigt die Galerie zum ersten Mal:
Thom Barth, Achim Buchmayer, Wolfgang G. Bühler, Christoph Dahlhausen, Astrid Feuser, Norbert Fleischmann, Ines Hock, Norbert Hompesch, Horst Keining, Ferdinand Penker / Trevor Sutton, Laura Ribero, Klaus Schneider, Sabine Straßburger, Volker Troche

Im Büro hängen Arbeiten von Melanie, Balsam-Parasole, Nina Brauhauser, Heinz-Breloh, Barbara Dörffler, Wiebke Elzel/Jana Müller, Janina Simone Kulczar, Alke Reeh, Gerda Schlembach, Christiane von Wittgenstein u. a.

Bis 17.10. 2015, Galerie Schütte, Essen-Kettwig, Hauptstr.4, Di-Fr 14.30-19.00, Sa 11-14.00 Uhr

...Jesus Box....


Hinter diesen bizarren Worten steckt der Berliner Künstler Mike MacKeldey, der zuletzt 2013 in der Ausstellung "Bildstörung" in der Galerie Klose zusammen mit Marcus Lüpertz und Arnulf Rainer seinen Beitrag geleistet hat.

Nun widmet die Galerie Mike MacKeldey eine Einzelausstellung, in der aktuelle Werke von ihm zu sehen sind.
 MacKeldey zeichnet sich durch seine einmalige Arbeitsweise aus. Die häufig verwendete und perfektionierte Streifenstruktur sowie leicht verschwommene Abbildungen verleihen seinen Werken oftmals einen nahezu geisterhaften Charakter. Durch das Verwischen und Verschleiern von Farbe auf zuvor hyperrealistischen Portraits werden diese zunehmend in eine abstrakte Richtung gelenkt. Dieses Spiel der Gegensätze ist sein Markenzeichen. Begleitet wird dieser Effekt  häufig von hineingekritzelten Schriftzügen oder Zeichen, welche nicht selten eine ironische Konnotation beinhalten und als Andeutung der Geschichte, welche im Bild verborgen ist,  zu verstehen ist. 
MacKeldey reißt existentielle Themen an, die polarisieren und auf den Betrachter anstößig wirken können. 
Neben seinem Spezialgebiet, der Malerei, stellt der Künstler erstmals auch Skulpturen ausstellen.
 
Galerie Klose, Rüttenscheider Str. 221,  Ausstellungsdauer 
28.08.2015 - 27.09.2015

Das Gesicht hinter der Kunst

Wer steckt eigentlich hinter einem Gemälde, einer Skulptur, einem Kunstwerk? Wie sieht er oder sie aus, die, die es geschaffen haben? Und welche Verbindungen stellt  der Betrachter her, wenn er das Kunstwerk in direktem Zusammenhang mit seinem Produzenten sieht?
„Faces behind Art“ bildet den Anfang einer neuen  Serie von Ausstellungen in der Galerie Klose. Erstmalig treffen Kunstwerke und Künstler in direkter Konfrontation aufeinander und schaffen eine außergewöhnliche Ebene zwischen dem Künstler, dem Betrachter und dessen Imagination.
Georg Pieron portraitiert in seinen meist schwarz-weißen Fotografien nicht nur die Künstler als Person, sondern schafft es auf unvergleichliche, sehr konzentrierende Art und Weise die individuellen Attribute des Künstlers hervorzurufen. Somit macht er das Foto des Künstlers zu einer einmaligen Momentaufnahme, die in dieser Ausstellung einem Gemälde oder einer Skulptur der porträtierten Künstlerpersönlichkeit gegenübergestellt werden.
Hat man sich so einen asiatischen Künstler vorgestellt, hervorlugend zwischen Geäst oder eine aus Weißrussland stammende Künstlerin, die selbstbewusst munter im Dirndel posiert? Der herkömmlichen Sichtweise entspricht doch eher der Nachdenkliche, der Grübende, der intensiv Schaffende im eigenen Atelier. Beide Auffassungen sind in der Ausstellung vertreten, beide kann der Betrachter hinterfragen und neu zusammensetzen.
Ausgestellt werden Werke von: Kwang Sung Park, Jörg W. Schirmer, Dehui Lu, Ralf Koenemann, Esther Miranda Garrido, Jörg Mazur, Gan-Erdene Tsend, Jesús M.R. de la Torre, Marina Sailer und Georg Pieron
Bis: 15.11.2015, Galerie Klose, Rüttenscheider Str. 221, Mo-Fr 10-18.30, Sa 10-15 Uhr

China X

könnte man die Ausstellung nennen, die seit August und nur noch für kurze Zeit die  chinesische Abstraktion in der Galerie Schlag
um neue Aspekte bereichert.  „Abstraktion – Figuration“, so der Titel der opulenten Schau zeigt  einen weiteren Einblick in den Fundus von Frank Schlag, der nicht weniger als 30 chinesische Künstler schon entdeckt und unter Vertrag genommen hat, lang bevor sie dieses Jahr in „China VIII“ in landesweiter Kooperation gezeigt wurden. Die Spezialisierung des Galeristen auf chinesische Malerei ist weit über NRW hinaus bekannt und dennoch überrascht er immer wieder mit Neuentdeckungen und ungewohnten Einblicken in bekannt Geglaubtes.
Aktuell figurative tritt in dieser Schau den Dialog zur abstrakten Kunst aus China an,  in poppig schockigen, nachdenklich ausdrucksstarken, klassischen und exzellent gemalten gesellschaftskritischen Bildern.
Kokett hingestreckt hat Hhou Thiehai seine Kameldame auf ein Kanapee, wo sie rücklings und aufreizend die klassische Aktmalerei parodiert. Man mag an Goyas Maya oder Manets Olympia denken, aber diese Dame hier sprengt jede Dimension. Dabei zieht sie die Lacher gutgelaunt und unschuldig auf ihre Seite. 
Während Zhong Biaos Bikinimädchen mit langen Händen über einen riesenhaften Adlerkopf streichen, collagiert Wei Dong die ausgediente Mao-Soldateska mit einem hochschwangeren Venus-Akt und skandiert so ein unüberhörbares Ausrufe- und Fragezeichen hinter jede Form kommunistischer Ideologie. Auch andere Künstler räumen kräftig auf mit kollektiver Moral und verblichenen Normen aus dem Reich der Mitte. Li Jis überüppige Lack-Konkubinen posieren vor niedlichen Lämmern und scheinen so die bissige Gesellschaftskritik eines George Grosz auf die chinesische Pop-Art zu übertragen, um Schluss zu machen mit jedem propagandistischen Anspruch des ausgedienten Arbeiter- und Bauernstaats.
 24. 10. 2015, Galerie Frank Schlag, Meisenburgstr. 173, di-fr 14-19, sa 11-16 Uhr 

Samstag, 19. September 2015

Walpurgisnacht

Heike Feddern entfaltet ihre „Walpurgisnacht“ in der Galerie Klaus Kiefer. Das großformatige, programmatische Gemälde mit monumentalem Inhalt sorgt für den eindrucksvollen Auftakt ihrer Schau, voll von abenteuerlich bizarren, fantastisch skurrilen Details. Mutationen und Metamorphosen von Mensch und Tier, Organischem und Anorganischem, die Kombination von Märchen, Fiktion und Wirklichkeit, von Ekel, Schauder, Possierlichem, angesiedelt in der Gemengelage zwischen Schock und Humor, das alles beherrscht die Künstlerin perfekt. Fabulierend in Erzählkontexten oder in Einzelmotiven isoliert verbindet sie nicht Zusammengehöriges zu einer prallen, bisweilen barock anmutenden Bildsprache, die Stile virtuos vermischt und viel zu entdecken aufgibt in dem relativ kleinen Raum der Galerie. 
Wie in einem Dix’schen Triptychon marschieren Figuren auf: Faust - oder ist es Mephisto? als Junker im edlen Gewand betritt die Szenerie, einen Totenkopf unter dem Arm, bereit, sich auf das unflätige Treiben in der Hexenküche einzulassen, dort wo es brodelt, hurt und saut. 
„Rühr mich an“, ein Bild der eher stilleren Art, zeigt ein madonnenartiges Mädchen, mit hochgetürmtem Kakteenhut und Stachelhalsband, daneben hängt eine Affenfrau, üppig dekolletiert mit Blumenbouquet und noch lebendigem Opferlamm. Die „Flucht“ stellt einen langbeinigen Insektenkäfer mit kostbarem Kamelsattel dar, auf dem sich Bücher, Puppen, Totenköpfe, Aktenordner und Blumen stilllebenuntypisch türmen. „Stummer Schreck“ ist eine Vogelscheuche, die Metamorphose aus Puppe, Fetisch, Mensch und Tier, den Mund zum Schrei geöffnet, darauf eine hauchdünne Membran mit Stecknadeln getackert. Ein aufgehängter Rabe, ein Äffchen mit vampirähnlichen Zähnen, Blumen mit stumm blickenden Augen gesellen sich dazu. Es wirkt, als würden Motive aus Märchen, die kollektiv Verdrängtes bergen, nach ihrem Schöpfer greifen und nach dem, der an  sie glaubt.

„Ein Motiv gesellt sich zum nächsten“, verrät die Künstlerin. Oft sind es alte, traditionelle, Angst beschwörende und beschwichtigende Motive, die sich in die Gegenwart hinein entwickeln und aufbäumen gegen die Verschleierung von Wirklichkeit.

Bis 17.10.2015, Galerie Klaus Kiefer, Rüttenscheider Str. 56, Di-Fr 11-18.30, Sa 10-14.00

For your eyes only

... verspricht Ivo Lucas mit seiner aktuellen Schau in der Galerie Goltz+Noelte, wo er homogene, ausgereifte, meist großformatige Bilder in Mischtechnik zeigt.
So komplex wie der Inhalt ist die Malweise: Pigmente, Lack, Öl-, Acrylfarbe und grafische Elemente, setzt Lucas ein, um vielschichtige Narration zu entfalten. Gemalt, gedrippt, gesprüht, pastos, transparent, frei fließend oder akkurat konturiert entwickelt er die Farbe, entfaltet Kontraste mit kleinen Akzenten und einen eher harmonischen Farbklang im Gesamteindruck. Die Vielfalt der Techniken auf der flachen Leinwand geht mit dem Inhalt der Erzählung eine tiefgründige, wundersam zeitfremde Synthese ein. Einen Erzählstrang nach dem anderen faltet der ehemalige Rissa und Oehlen-Meisterschüler auf: Kunst-, Sozialgeschichte, Zeitgenössisches, Historisches, Alltägliches, Banales, Surreales, sowie Anspielungen auf Märchen und Werbewelt werden in großen Räumen mit Einblicken, Durchblicken und Tiefen collagiert.
Die Ausstellung zeigt auch, welche ästhetischen Möglichkeiten aus verlorenem Terrain wachsen können. Ein spießiges, bürgerlich beengtes Wohnzimmer der frühen Siebziger, eine Anspielung auf die Geburtsstunde des Künstlers vielleicht, draußen glutroter Abendhimmel, im TV ein poppiges Liebespaar, im verschatteten Profil der Künstler mit seinem futuristischen Modell, halb Domina, halb Lichtgestalt, ein Model, deren pygmalionartige Aura dem Raum einen auratischen Goldschimmer versetzt.
Viele Bilder gleichen einem visuellen Laboratorium, auch wenn das Setting ein banales ist. So wie der Raum, den jeder hat, eine Toilette, in der Ivo Lucas sein kryptologisches Alphabet inszeniert und logische Zuordnungen wie bei einem modernen Einstellungstest verlangt. Kleine geometrische Formen in unterschiedlichen Farben bilden Buchstaben für visuelle Sprechblasen. Der Apfel in der Hand von Dürers Eva, der Totenkopfapfel, der Blick Schneewittchens in den Spiegel, dazu Andeutungen an den Hof der Medici, wo man den vergifteten Apfel so mit  zu teilen wusste, dass der Meuchelmörder bei bester Gesundheit blieb.26
Wundern Sie sich nicht, wenn auf Kunstmessen Besucher vor Ivo Lucas Bildern mit dem Handy hantieren! Manche Formen lassen das Bild mit seiner dritten Dimension erst aus der Entfernung oder eben fotografiert entstehen. Aus der Nähe erkennt man Farben und Formen und fragt sich, wie das Bild im Kopf des Betrachters entsteht. Natürlich nur mit Distanz.
In der Galerie Goltz in der Huyssenallee 85 ist weiterhin Ren Rong zu sehen und im Sheraton Hotel Essen eine Ausstellung mit vier chinesischen Künstlern der Galerie.
bis 2.10.2015, Kunst-raum schulte-golltz+noelte, Rüttenscheider Str. 56, Di-Fr 12-19, Sa 10-16 Uhr u.n.V.

Dienstag, 30. Juni 2015

Das kleine Format von Pavel Feinstein

Das „kleine Format“ von Pavel Feinstein ist groß, denn es beinhaltet bittersüße Aussagen über den Gegenstand, die in raffinierten An- und Ausschnitten die Wahr- nehmung des Betrachters in Bewegung halten. Stillleben im klassischen Sinn sind es nicht, sondern überschwängliche Gegenstände aus Küche, Alltag und Atelier, die durch das Arrangement und die zwingende Malweise den Betrachter bewegen: genau hinzuschauen, über den Bildrand hinauszudenken und Verbindungen zu anderen Bildern dieses burlesken russischen Altmeisters mit jüdischen Wurzeln herzustellen. Er lebt in Berlin und wird vielen hier nicht zuletzt durch die von Klaus Kiefer kuratierte Ausstellung im Osthaus Museum noch in Erinnerung sein. Schwindelerregende, abgründige Bilderwelten wurden 2010 gezeigt mit schillerndem Menschengetier und nackten leichenblassen Leibern, die Welt ein morastiger Sumpf aus Schuld und Sühne.
Blaue Trauben, rote Trauben, Melonen, Zitronen, Aprikosen, Granatäpfel, Käse, ein Brett, ein Messer, die Farbtube, auch diese alltäglichen Gegenstände werden aufregend, wenn Feinstein sie trübem, graubraunem Hintergrund vermalt. Wenn der Granatapfel sich öffnet, die Melone sich spreizt und der schimmelige Käse melancholisch über das Messer läuft, entwickelt sich sogartig die Sichtweise des Künstlers, der diesen allzu vertrauten Motiven rätselhaft sinnliche Strahlkraft und düster morbide Lebendigkeit verleiht. Ob Gemüse, Fisch oder Fleisch, Feinstein vermalt auch das kleine Format auf beiläufiger Hartfaserplatte zu metaphorischen Blitzgewittern einer Welt, in der das Rechte verrückt und die Moral aus den Angeln gehoben ist.
Bis 15.8.2015, Galerie Klaus Kiefer, Rüttenscheider Str. 56, Di-Fr.11-18.30, Sa 10-14.00

Samstag, 27. Juni 2015

Schachtelhalme und – häuser


„Schachtelhalme und -häuser und Essen nicht vergessen“ heißt die neue Ausstellung in der Galerie von Ricarda Fox, in der sie Objekte, Collagen und Assemblagen von drei Künstlern zeigt. Die Eröffnung fand zeitgleich mit dem Essener Kulturpfadfest statt, ein Zeichen, dass sich kulturell etwas bewegt in der Unterstadt, seit auch die Kreuzeskirche die Renovierungsphase gelungen beendet hat und mit künstlerisch Hörens- und Sehenswertem punktet.
Gefundene Versatzstücke des Alltags zeigen sich in der K29 in neuer Ordnung.  Spielerisch, humorvoll, ironisch, kritisch, poetisch nehmen sie den Betrachter mit auf Entdeckungsreise durch Mythen und Märchen. Neu zusammengestellt und dem Alltag entnommen zeigen die Gebrauchsgegenstände, aus denen die Kunstobjekte aufgebaut sind, neue Ordnungsmuster. Assoziationsträchtige Kombinationen ergeben sich da. Eine Suppenterrine von Roland Köhler mit Schöpfkelle und Daunen gefüllt, spiegelglänzende Bergmassive, ein Fuchs, der mit einem Hasen in weiße Tücher gehüllt in einer Holzkiste liegt. Ulrich Köhler stellt das Golden Age neu vor, eine phantastisch futuristische und bildsprengende Vision im handlichen Format.
K29 Ricarda Fox, Kreuzeskirchstr. 29, von außen einsehbar, Öffnungszeiten erfragen: 0208-3787734

Schönheit und Dauer

Die besondere Situation des bevorstehenden Umbaus der Städtischen Galerie Schloss Borbeck bietet dem Künstler Paul Schwer die Möglichkeit einer radikalen Intervention:
Wände können durchbrochen oder verändert werden, so dass die Installation über die Grenzen des bestehenden Ausstellungs- raums hinausweist. Paul Schwer macht seine Eingriffe mit alltäglichen Materialien. Leicht wie Linien schweben seine Konstruktionen aus Neonröhren, Kabeln und Dachlatten durch den Raum, durchmessen ihn und führen die Besucher durch das Chaos von Steckern, Kabeln, bemalten Glasscheiben und Folien. Die Konstruktionen wirken fragil, mit Kabelbindern und Schrauben provisorisch in den Raum integriert. Die farbigen Neonröhren, Glasscheiben und „Baozi“, experimentelle Skulpturen aus dem Kunststoff PET-G, reflektieren das farbige Licht und bringen so Malerei als Energie in den Raum. Eindringlich beschreibt der Intendant des Bonner Kunstmuseums Stephan Berg die Wirkung des Momenthaften in Paul Schwers Arbeiten: „Mag schon sein, dass alle Lust Ewigkeit will, diese Bilder und Bildräume aber feiern die Flüchtigkeit: roh und brachial, kippend und schräg, provisorisch und ewig imperfekt. Darin liegen ihre Schönheit und ihre Dauer.“
Paul Schwer studierte Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf und parallel Medizin in Strasbourg. Als Kinder- und Jugendpsychiater entwickelte er am Uni-Klinikum Essen das interdisziplinäre Kunstprojekt UNART. Der Meisterschüler von Erwin Heerich erhielt zahlreiche Preise, seine Werke sind auf internationalen Ausstellungen vertreten.
Galerie Schloss Borbeck, Schlossstr. 101, Di-So 14-18.00

Light & Illusion

Die Rü strahlt, nachts wenn die Galerie beleuchtet ist, tagsüber zieht sich das farbige Licht in den hellen Galerieraum zurück. Aber auch hier entfaltet es eine Intensität, die durchaus in Konkurrenz zur Intensität von Tageslicht treten kann. 
Die erste Einzelschau mit Fotografien der Südkoreanerin Sung Won Hong findet in der Galerie Klose statt. Eine ebenso einfache wie komplexe Ausstellung zum Thema Wahrnehmung und Raum ist es, weil Sung nur ein Motiv braucht: ein geradliniges, geometrisches, kubisch, kantig, quadratisches Motiv, um die Magie des Lichts und die Augentäuschung des Betrachters zu entfalten.
Da es das Motiv, das sie für ihre Kunst braucht, nicht gibt, baut sie es sich: aus einfachen Mitteln, einen stereometrischen Raum, den der Betrachter aus klassischer Frontalperspektive mit gleichbleibendem Fluchtpunkt in die Tiefe hinein fixiert. Übersichtlich, schmucklos so scheint es, aber dennoch reagiert der Blick irritiert. Licht unbestimmbarer Herkunft durchströmt den kahlen, kargen, auf seine Form hin reduzierten Raum. Von oben und unten,  von einer und vielen Seiten zugleich kann der Betrachter die Herkunft der diffusen oder stark leuchtenden künstlichen Lichtquelle schwer verorten. Seh- und Raumgewohnheiten werden außer Kraft gesetzt, schwebend oder saugend wird der Blick in den Raum von allen Seiten des Raumkörpers stimuliert. Je nach Lichtfarbe weicht man zurück oder fühlt sich magisch angezogen. Kaltes Neongrün, sanftes Gelb, wärmendes Rot glühendes Karmin und nüchternes Blau verbreiten Stimmungen ganz eigener Art.
In zwei bis drei Formatgrößen stellt Sung ihre Fotografien her, auch hier ist die Wirkung der Farbe und ihrer Kombination interessant. Zu Zweier- oder Vierergruppen gehängt ergeben sich abwechslungsreiche und flexible Varianten, allein und in großem Format entfaltet die Farbe wie ein Solitär ihre Macht. 
Obwohl die Künstlerin in der Galerie Klose in Deutschland ihren Erstauftritt hat, ist sie über die Landesgrenzen hinaus und besonders in Korea bekannt. Das Medium, mit dem sie konzeptionell arbeitet, versteht sie besonders in der Serie Mimesis II mehr als Malerei denn als Fotografie. 
Bis 15.7. 2015, Galerie Klose, Rüttenscheider Str. 221, Mo-Fr 10-18.30, Sa 11-15.00

Dienstag, 16. Juni 2015

Lasst hundert Blumen blühen

Als „Ren Rong, Mr. Ren, nicht Mr. Rong“, stellt sich der chinesische Künstler in perfektem Deutsch und munterem Plauderton vor, „denn in China stehen die Namen andersherum,“ anders als im Deutschen, das der Meister fast ebenso eloquent beherrscht wie sein Galerist. Zu dessen Geburtstag gibt es nun diese besondere Schau im klassisch edlen Ambiente der Galerie, ein Ambiente, das Rens Könnerschaft in passendem Rahmen mit passender Selektion aus seinem Werk würdigt.
Als Ergänzung zu China 8 und anderen Ausstellungen, die Ren derzeit in Museen und Kunstvereinen zeigt, werden hier Arbeiten aus zwei Themenbereichen vorgestellt. Die Mao-Bilder in Holz mit eingeschnittenen floralen Figurationen und Schatten werfende Papierobjekte im Scherenschnitt, dazu klingende Skulpturen aus Edelstahl.
Das zentrale Motiv ist der ausgelassen tanzende Pflanzenmensch, eine Fantasiefigur und Vision für die Verbindung von Mensch und Natur, eine Zukunfts-, Gegenwarts- und Gesellschaftsvision. Mit dieser, vielleicht auch als Alter Ego anzusehenden Figur scheint Ren Rong auch harte Zeiten zu überstehen. Mittlerweile ist er in China hochangesehen, bekannt mit Wei Wei und anderen verfolgten und emigrierten Größen seines Landes und seiner Heimatstadt Peking, wo er derzeit ebenso wie in Bonn ein großes Atelier unterhält. Doch das war nicht immer so. „In meiner Kindheit und Jugend war das Mao Portrait in kahlen Räumen die einzige Dekoration“. Eine Ikone für Hoffnung war es, ein Symbol für Scheitern wurde es, ein ebenso visionäres wie brutales Symbol ist es in der Biografie des Künstlers. Im Portrait des großen Führers auf lackglatter Oberfläche stellt Ren dem großen Führer den Pflanzenmenschen zur Seite. Als Trophäe in der Hand oder den Kopf des Arbeiter- und Bauernführers zierend stellt er eine Widerstands- und Überlebensfigur dar. Mit der Überwindung der gesellschaftlichen Utopie verselbständigt sich diese Figur und belebt in dieser Ausstellung als alleiniges und isoliertes Symbol Rens Kunst. 
Ein frohes, starkes Zeichen ist es für die Kraft des Lebens und die Kraft des Künstlers, schlechte Zeiten zu überstehen. In fein dosierter Aquarellfarbe erinnert es  ausdrucksstark und dynamisch an die Kunst von Matisse. „Lasst hundert Blumen blühen“, der Ausstellungstitel bezieht sich kritisch ironisch auf  Mao, der mit dieser Parole 1956 zur Staatskritik aufrief.
Bis 16.6. 2015, Galerie Goltz, Huyssenallee 85, Do+Fr 15-19, Sa 12-16 Uhr

Samstag, 6. Juni 2015

Aktuelle Chinesische Abstraktion

Noch ist Chinesische Abstraktion kein feststehender Begriff,  könnte es aber werden, wenn das, was in der Galerie Schlag gezeigt wird, auch von musealer Seite kuratiert würde. Eine in sich ruhende, abstrakte chinesische Malerei wird präsentiert, die sich gegen figurativen Polit-Pop und wilde Malgesten ebenso abgrenzt wie gegen aufgeregten Gegenwartsbezug. Es ist eine leise Malerei, die kulturelle und handwerkliche Tradition reflektiert und diese zu einem Statement der Moderne integriert.
17 Künstler, darunter drei Künstlerinnen, stellen ca. 60 Arbeiten aus. Sie spiegeln wider, was derzeit auf dem Kunstmarkt passiert, was gekauft wird, und wonach sich ein Kunde sehnt, der genug hat von lauter Malerei in ausdrucksstarker Farbe. Ausgewogenheit in handwerklich aufwändigen Malprozessen, Ruhe, Geduld und eine vielleicht Zen-buddhistische Gelassenheit kehren mit diesen Arbeiten ein, von denen jede die Mühe, die es kostet, bescheiden verbirgt, eine solche Meisterschaft zu erreichen.
Manche Arbeiten wirken aus der Ferne wie monochrome Flächen. Aus der Nähe erahnt der Betrachter, dass in einem zart farbigen Bleigrau unüberschaubar viele, bis zu 400 Graustufen enthalten sind, die mit- und aufeinander wirken. Andere Bilder leuchten in Rot, Grün oder getrübtem Blau und geben erst dem zweiten Blick preis, dass sie labyrinthartige Liniengeflechte enthalten, ohne Anfang und Ende, ohne Überschneidung und Ziel, außer dem, über Kunst, im Prozess des Arbeitens und des Betrachtens Ruhe zu finden. Vielleicht Demut zu entwickeln, um innezuhalten, sich abzuwenden von Überfluss; um Stille durch Kontemplation oder Sinn in Zweckfreiheit zu finden.
Andere Arbeiten spielen mit der Illusion von Textilem oder wecken haptische Reize. Farbige Linien auf Papier werden so dicht gesetzt, dass die Illusion von Stoff entsteht. Oder daumendicke Ölschichten werden holzschnittartig mit parallelen Kerben überzogen, so dass mit jeder Bewegung des Betrachters vor dem Bild neue, reliefartig plastische Wahrnehmungen entstehen.
Andere Künstler sticken Fäden millimeterfein  in  Leinwände, geometrisch geordnet oder einem diffusen All-Over folgend. Ein besonderes aufwändiges Werk hängt im Eingangsbereich. Es stellt den Schlussakkord einer Serie dar, an deren Ende die Künstlerin einsehen musste, dass eine solch kraftzehrende Arbeit Fortsetzung verbietet. Von Scheitern würde sie nicht sprechen, sondern vom Beschreiten neuer Wege.
Mit dieser Ausstellung ist China IX ist eröffnet, eine perfekte Ergänzung zu den Schwerpunkten, die die Ruhrgebietsmuseen derzeit zeigen.
Bis 8.8.2015, Galerie Schlag, Meisenburgstr. 173, Di-Fr 14-19, Sa 11-16.00