Mittwoch, 18. März 2009

Die Knochensammlerin und der Existenzialist

Eigentlich wollte sie Kriminalpathologin werden, Knochenstücke zusammensetzen, Tathergangs- und Täterprofile erstellen, um den abwegigen Seiten der menschlichen Natur auf die Schliche zu kommen. Heute ist Terry Taylor Künstlerin, eine “Neuerwerbung", die der Galerist Frank Schlag vor einem Jahr im australischen Melbourne entdeckte.

Merkwürdig muten ihre Totenschädel an, die sie in Öl auf Leinwand in unfarbigen Braun-Grau-Grüntönen malt, einzeln oder zusammen auf fast demselben 43,5/28 cm großen Format gruppiert, z.T mit barocken Spitzen und Bordüren dekoriert, an gedrehten Seilen aufhängt oder mit Gegenständen perforiert. Wer Skulls mit übergroßen, morbiden Augen- und Nasenhöhlen und großlückig klaffendem Gebiss nicht mag, wird sich abwenden. Wer die gemalte Oberfläche durchschaut, entdeckt die Vielfalt von Formen und Materialien, die in altmeisterlicher Lasurtechnik vermalt, zart und detailliert auf der Leinwand stehen und halbe Ewigkeiten brauchen, bis sie fertiggestellt sind.

Und geht man ihnen tiefer und weiter auf den schwarzbraunen Grund, stellt man fest, dass jeder Knochenkopf anders, individuell und besonders in seiner Ausstrahlung ist. Dass sich kaum ein Motiv wiederholt, sondern dass die Künstlerin mit abwechselungsreichen Materialien Portraits von nicht mehr lebenden und zum Teil fiktiven Personen entwirft. Und dass sie mit all ihrer Vorliebe für Totenköpfe auf jeden Fall anderes tut als dem zum Modemotiv pervertierten Vanitassymbol aufzusitzen, diesem barocken, viel zitierten Zeichen für die Vergänglichkeit. “Aus der Kopfstruktur eines lebenden Menschen ertaste ich die Knochenstruktur³ sagt sie und aus der rekonstruiert sie Bilder vergangenen Lebens.

Um abgründig Surreales so wie man es aus manchem traumatischen Alltag ableiten kann, geht es in den mittel- bis wandgroßen Arbeiten des in der Mongolei geborenen, in Stuttgart lebenden Künstlers GAMA, der Zitate europäischer Kunst augenzwinkernd in seine bösen und ironischen Bilder integriert. Lin Jianfeng ist 1977 in Baotuo geboren, studierte 1996 bis 2000 an der zentralen Kunstakademie Peking und seit 2002 freie Kunst an der staatlichen Akademie der bildenden Künste Karlsruhe bei Professor Gustav Kluge.

Mit scharfem, schwarz humorigem Realismus versinnbildlicht er existenzielle Sollbruchstellen eines modernen Daseins mit all der Angst und Klaustrophobie, die einen von innen und außen, aus einer phobischen Psyche und dem ganz normalen Alltag anfallen kann. Die akribisch in Öl gemalten, dennoch expressiv, weil mit verzerrenden Leerstellen arbeitenden Bilder erinnern bisweilen an die verstörenden Metaphern eines von Einsamkeit und Weltangst eines befallenen Edward Munch. Wesen “am Rande der Zeit" schauen uns in bühnenartigen, gläsernen Räumen bedenklich und fremdartig an. Der Mensch in ihnen ist immer beängstigend und ohnmächtig klein: - Keine optimistische, sondern eine skeptisch nachdenkliche, aber auch Widerstand verheißende groteske Zukunftsaussicht kündigt sich hier an.

Bis 27.3 in der Galerie Frank Schlag, di-fr 14-19, sa 11-16 Uhr, Meisenburgstraße
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