Mittwoch, 18. März 2009

Kunst gehäkelt, gestickt, vermalt

.......14 Künstlerinnen aus Essen und Berlin stellen gemeinsam Arbeiten aus.
Und es gibt sie doch, eine weibliche Kunst, möchte man ausrufen, wenn man die derzeitige Ausstellung von 6 Berliner und 8 Essener Künstlerinnen im Forum Kunst und Architektur in Essen sieht. Ist es positiv lautet die nächste Frage oder eher hoffnungslos veraltet, von “ weiblicher Kunst" zu sprechen in einer Zeit, wo die Frauenbewegung 30 Jahre hinter uns liegt? Ist es natürlich nicht!

Sehr augenfällig wird dies an den Bildern der Berlinerin Aiga Müller, die gemalte, gestickte, collagierte Tableaus unterschiedlicher Größe und verschiedenen Formats zu einem Tafelbild arrangiert, das herkömmliche Bildtraditionen sprengt. Die Künstlerin selbst scheint Sammlerin sozialtypischer und individueller Lebensspuren zu sein, die man überall finden, jedoch selten so kreativ bearbeitet. Die Motive ihrer sozialen künstlerischen Milieustudien? Katzenportaits, Blüten, ein Madonnengesicht, Ornamente, Muster, Landschaftsbilder, eine Vase, vom Kitsch bis zur Kunst ist alles dabei. Alles wird gleichwertig, gleichberechtigt behandelt, und zwar so, dass Übergänge und Grenzen verschwinden: Im intuitiv sinnlichen Umgang mit dem Material, in der Hierarchie von Hohem und vermeintlich Niederem, konventionellem und dem, was in der hohen Kunst traditionell nichts zu suchen hat, da es Massenware ist und dem historisch tradierten Individualitätsanspruch der hohen Kust so ganz und gar nicht entspricht. Kitschige gestickte Landschaften, ein heimattümelndes Bergmotiv, das in der Almhütte ebenso seinen Platz findet wie im kleinbürgerlichen Wohnzimmer und in hölzerner Küchentradtion. Die Ambivalenz dieser Kombinationen ist abenteuerlich ebenso wie ihre Weiterführung im Bild. Die Übergänge zwischen Material und THmene werden aufgegriffen und zu einem ironisch konnotierten Ausschnitt vermalt, eine Anspielung auf Jeff Koons vielleicht auch, der in seinem Rekurs auf das Triviale auf dessen materialtechnische Nobilitierung nicht verzichten mochte. Das braucht Aiga Müller nicht, denn im Einfachen ruht eine berechtigte Sehnsucht, die nicht diffamiert zu werden braucht. Die Künstlerin hat bei Horst Antes und Jürgen Goertz studiert, ist Meisterschülerin von Peter Dreher und freischaffend in Berlin tätig.

“Die Scham ist vorbei, traditionell weibliche Techniken und Materialien künstlerisch einzusetzen." Stricken, sticken, häkeln, nähen sind Techniken, die auf dem Kunstparkett salonfähig geworden sind, man denke nur an die hoch gehandelten, abgründigen Häkelarbeiten von Patricia Waller, die auf jeder internationalen Messe zu Hause sind. Lore Klar und Ulrike Waltemathe setzen solche Techniken ebenfalls ein. Fotos von unzähligen Reisen sind das künstlerisch bearbeitete Ausgangsmaterial. Paris bei Nacht, eine Technologielandschaft, ein Herbstwald sowie die Versprechen von Sonne und Meer bilden visuelle Folien, die mit transparent perforierten Stoffen überzogen und in Handarbeit mit feinem Stich übernäht werden. Weibliche Mikrowelten als biogenetisch geklonte Kunstmikroben zusammengehäkelt stellt Ulrike Waltemathe vor, handgemachte künstlerische Mutationen, die wachsen und zum Teil übergroße Dimension annehmen. Denn die innere Form bestimmt die gehäkelte Haut, die wie aus einem Stück gegossen ist.

War es früher der abgründige Versuch, den kleinen Liebling, das Haustier, die Katze zu klonen, sind es heute “kleine, praktische Familienbenutzer" so die Künstlerin. Eine Anspielung auf Sex-Toys lässt der ironische Arbeitstitel zu, ironisch wie die Anspielung auf einen sich selbst generierenden Kunstbegriff. Für jedes verkaufte Objekt schafft sie zwei neue, auch das ist eine Form der humoristisch künstlerischen Evolution.
Weitere in der Ausstellung vertretene Künstlerinnen sind: Ellen Fuhr, Elli Graetz, Gisela Kurkhaus-Müller, Marianne Schröder, Christiane Wartenberg,Isolde Eschert-Goldberg, Kristin Loehr, Cecily Park, Anna Schriever, Dorothea Thun, Johanna Timaeus
bis 19.4., Forum Kunst und Architektur, Kopstadtplatz 12, di-fr 10-19, sa 12-17 Uhr

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