Mittwoch, 11. März 2009

Leerer Himmel, triste Welt

“Ich war die Welt, in der ich ging, und was ich sah oder hörte oder fühlte stammte einzig aus mir allein: Und hier fand ich mich wahrer und befremdlicher..." (Wallace Sternes)

Das dem Ausstellungskatalog von Paul Graham vorangestellte Zitat trifft Stimmung und Atmosphäre im Werk beider Künstler, der des britischen, jetzt in New York lebenden Starfotografen Paul Graham (geb. 1956) und seiner Landsfrau Clare Strand (geb. 1973), beide im Museum Folkwang zu sehen, er mit einer breit angelegten Retrospektive seines Werks von 1981-2006, sie mit einer ersten Einzelausstellung, in der sechs Serien aus den letzten 10 Jahren gezeigt werden. Farbfotografie versus Schwarz-Weiß, Dokumentation gesellschaftlicher Realität versus Inszenierung paranormaler Phänomene, schonungslos und aufwühlend wirken beide.

“Beyond caring", “troubled land", “television portraits", “empty heaven" lauten Serientitel von Paul Graham, in denen er das britische Sozialsystem kommentiert: Die Tristesse von Ämtern, Sozialstationen, Krankenhäusern erbarmungslos und meist in Nahaufnahme, trostlose öffentliche Räume, in denen Menschen in Warteschleife stillgestellt sind. Der Blick fährt durch unwirtlich leere Stadt- und weite Panoramalandschaften, zerschnitten von Beton und Technologie, gezeigt wird der gekillte Lebensraum nach dem Nordirlandkrieg. Leben, so scheint es, findet nur noch in Gesten, Körperhaltungen, in stereotypisierten Gesichtern statt, wenn Menschen im blau schimmernden Räumen sitzen, Fastfood essen und starren: Auf eine Mattscheibe, die der Betrachter im fotografierten Ausschnitt nicht sieht. Paul Graham kommt es auf die Reaktion der Menschen, auf das soziale Klima der Gesellschaft an: Anspannung, Leere, Apathie, Momente von Überraschung registriert das Auge der Kamera, wenn Ikonen von Konsum als Hoffnungsschimmer in den anonymen Gesichtern der Portraitierten aufblitzen. “Empty heaven", so der Titel einer Serie, enttäuschte Träume, rien ne va plus.

Graham ist beeinflusst von Bill Brandt und Chris Killip, der in England geprägten sozialdokumentarischen Fotografie sowie der amerikanischen der 60er und 70er Jahre. Namen wie Diane Arbus, Lee Friedlander, Robert Frank und zeitgenössische Positionen, die von Martin Parr oder Tom Wood fallen als Bezugspunkte ein.

Clare Strand fotografiert in strengem Schwarz-Weiß, denn “es liefert mir Klarheit, ...hilft mir entschlossener zu sein, liefert mir Drama, Nichtdrama und die Ambiguität, die ich in einem Bild suche". So die Künstlerin in einem Interview. Sie lotet in zahlreichen Serien die Grenzen des Beunruhigenden, Verstörenden, die des Normalen und Abgründigen aus, fasziniert von Horror- und Kriminalgeschichten sowie einer subtil makabren Phantasie. Die setzt sie zur Untermalung ihrer kühl distanzierten Bilder bestens ein!

Bis 4.5., Museum Folkwang Essen, di-so 10-18 Uhr, Kahrstraße 16

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