Dienstag, 8. September 2009

Leere füllen oder das langsame Übersetzen von Kalligraphie in Ölmalerei



In Essen ist sie eine Institution! Eine über 100-jährige Geschichte weist die Galerie und Kunsthandlung Haas-Hoeppner auf, 1902 von Robert Haas gegründet, 1993 von Hans und Marc Hoeppner weitergeführt, die neben der in Essen weitere Galerien in Hambung und München betreiben. Handwerkliche und künstlerisch anspruchsvolle Buchbinderarbeit, Rahmungen, der Verkauf von Grafik und Malerei der Klassischen Moderne gehören ins Programm, das seit 1993 den Schwerpunkt Galeriearbeit zunehmend ins Zentrum des Unternehmens rückt.
Ausgestellt wird, "was ihm gefällt", sagt Marc Hoeppner, nicht mit System im Sinn einer Programmgalerie, sondern klassische und gegenwartsorientierte Positionen von anerkannter Qualität. Künstler wie Immendorff, Tukmarin, Gerhard Sauter, Armin Sandig, Yoshi Takahashi gehören ins Haus ebenso wie Vertreter der "jüngeren Generation": Shan Fan, Harald Häuser, Holger Cremer, Annette Bätjer, Juschi Bannanski. Will man einen winzigen gemeinsamen Nenner finden zwischen den viefältigen, figurativen, informellen, abstrakten und fotografischen Positionen, so ist es vielleicht der, dass viele dieser Künstler ihren Weg zur Kunst als Quereinsteiger über eine zunächst klassische Berufausbildung gefunden haben. So wie die Väter der Galerie?
Robert Haas war Buchbinder, Hans Hoeppner hat Medizin und Orientalistik studiert, bis er sich 1954 endgültig der Kunst verschrieb - nach der Begegnung mit dem Pantomimen Marcel Marceau. Besucht man heute das seit 1914 dort alt eingesessene Haus an der Huyssenallee, findet man neben der Klassischen Moderne neue Einblicke in das Werk des Chinesen Shan Fan. Großformatige Malerei von Bambusgräsern als Kalligrafie und Ölmalerei, eine unzeitgemäße "Malerei der Langsamkeit", die Manifestation individueller Malweise und einer eigenen Sprache sieht man da.

Chinesen, man weiß es, sind Meister im Kopieren: Denn erst im jahrelangen Kopieren der Vorbilder, in bedingungslosem Achten, Üben und Beherrschen der Tradition zeigt sich der Weg zu eigener Meisterschaft. Doch das ist nur der Weg. Zu Ende geht ihn der Schüler allein, wenn er sich lossagt, den Ausbruch schafft. Dann erst bringt er es zu eigener, zu wahrer Meisterschaft.
Jahrelang hat Shan Fan ritualisierte Formen und Linien kopiert, Tausende von Blättern, Vögeln, Linien, Schriftzeichen, Landschaften gemalt, bis er die Tradition, Kalligrafie und chinesische Landschaftsmalerei, technisch so perfekt beherrscht, dass er sie transformieren kann: zu einem individuellen Stil. Er verlässt China, um nach 8 Jahren in Deutschland festzustellen, dass seine Identität nicht definierbar ist: nicht mehr chinesisch, noch nicht deutsch, ein Dazwischen, mit dem es sich neu und anders malen lässt. In Deutschland entstehen expressiv verfremdete Industrielandschaften. Zeche Zollverein als technologische Abstraktion naturalistischer Landschaft oder die Bambus-Serie, in der er Kalligraphie in individualisierte Malerei transformiert. Indem er Strich für Strich, eine Unmenge für das normale Auge kaum wahrnehmbarer leicht farbiger Grau, Weiß- und Schwarzschattierungen in Öl Zentimeter für Zentimeter auf die Leinwand setzt. Und dann erkennt der Betrachter das langsame Entstehen von Differenzen, die Adaption der gestischen Lineatur in einem langwierigen Bearbeitungsprozess, bei dem man der Bildwerdung wie durch die Zeitlupe zusehen kann. Ost und West, Rationalität und Gefühl vom Reispapier meditativ auf die glasklare Leinwand gebannt. "Leere füllen", sich seines selbst vergewissern, zusehen dem Entstehungsprozess neuer Gedanken. Seine Arbeiten gruppiert Shan Fan am liebsten in Serien, so wie bei der letzten Museumsausstellung in Oldenburg, Meter und Meter hoch, Räume füllend.
1959 in Hangzhou geboren, lebt der Künstler nunmehr seit 26 Jahren hier, derzeit in der Nähe von Hamburg, leitet dort die Design Factory International, ist ausgezeichnet mit internationalen Ehrendoktorwürden und Professuren.

Galerie Haas-Hoeppner, Huyssenallee 70, di-fr 10-18, sa 10-14 Uhr

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