Mittwoch, 24. Februar 2010

Das Herz so groß wie ein Boxhandschuh


Das Herz ist so groß wie die Faust. Das der Künstlerin ist größer, nähme man den Titel der Installation ernst "Selbstportrait oder Mein Herz schlägt". Es atmet, es pulsiert, liegt in einem Plexiglasgehäuse zur Besichtigung für den Betrachter da. Es hat die Gestalt eines roten Boxhandschuhs.
Angela Schilling, geb. 1970 in Bochum, wo sie heute wieder lebt, ist Meisterschülerin von Timm Ullrichs und Katharina Fritsch. Wie die ihrer Lehrer bürgt ihre Kunst für Themen, die unter den Nägeln brennen und hohe ästhetische Qualität.
"Woodward Avenue" ist der Titel der klar konzeptionierten, von allem Überfluss befreiten Ausstellung, die Raum gibt für die ästhetisch wunderbar reduzierten, dennoch narrativen Objekte. Sie erinnern an Detroit, wo die erste betonierte Bundesstraße gebaut wurde, um die frisch fabrizierten Schlitten vom und zum Werk rollen zu lassen. Schon damals ging technologischer Fortschritt mit tödlichen Folgen einher.
In Zinn gegossene Vogeltorsi, so lebendig wie der Tod auf der Straße beim Zusammenprall mit PKWs es zulässt, platziert sie auf Autoscheinwerfern, eingelassen in Säulen aus Aluminium. Von unten grell beleuchtet werfen die Körper der Tiere bizarre Schatten an die Wand. Die Stelen, linear in Reih und Glied aufgestellt, erinnern an den schnurgeraden Verlauf von Straßen mit ihrer die Natur zerschneidenden Lichtarchitektur.
Im Fenster der Galerie senkt eine Harke aus Stahl ihre Pfeile in ein weißes Kissen, hebt und senkt sich wieder und wieder in quälender Langsamkeit. Ein anderes Objekt stellt eine Kindersoldatin dar: Das Gewehr geschultert steht sie kniehoch in einem taghell beleuchteten Aquarium, an der Decke baumelt ein Miniaturpanzer, der auf Swarovski Steinen rollt. Jedes ihrer Objekte ist ein Kommentar zu gesellschaftlichen Missverhältnissen, so präzise, so wahr, dass er unter die Haut geht.
Angela Schilling ist zurückhaltend, bescheiden, effektiv und sie ist eine Frau der Tat. Sie schweißt, nagelt, feilt, färbt, poliert ihre stählernen Kunstobjekte, legt bei Bedarf elektrische Leitungen aus. Sämtliche Arbeitsvorgänge vollzieht sie eigenhändig, obwohl sie sie leicht delegieren könnte. Das jedoch widerspräche ihrem Verständnis von authentischem, ästhetisch perfektioniertem Kunstanspruch.

Bis 13.03.2010, kunst-raum, Rü 56, di-fr 12-19. sa 10-16 Uhr u.n.V.

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