Donnerstag, 11. März 2010

Die Wiedergänger

Erinnerungsspuren sammeln sie: Eva Schwab die der eigenen Biografie, Katrin Heichel die kollektiven öffentlicher Bilder. Beide Künstlerinnen decken recherchierend, rekonstruierend und malend psychografische Befindlichkeiten auf und formulieren ihre Ergebnisse in wunderbar vielfältigen, vielfarbigen Arbeiten, die der ausdrucksstarken Wirkung  der Farbe und ihrer Materialwirkung Priorität einräumt. Und beide Künstlerinnen betonen, dass subjektive Erfahrung nicht zuletzt ein Spiegel gesellschaftlich historischer Entwicklung ist.
Unter dem Titel "Wiedergänger" greift die Lüpertz-Meisterschülerin Eva Schwab auf eigene Familienfotos von 2005-2010 sowie andere "adoptierte" Bildvorlagen zurück und entwickelt aus einer kontinuierlichen Erinnerungsarbeit eine bundesrepublikanische Gesellschaftstypologie, die die Schatten der Vergangenheit in sich trägt. In wachsgetränkten Leinwänden, die wie eine Epidermis historische Befindlichkeiten einfangen, verdeutlicht sie, dass das Historische nicht vergangen, sondern ein zu bearbeitendes Vermächtnis ist. Kinder- und Jugendbilder wirken trotz aller Farbigkeit gebrochen: Eine Treibergesellschaft lässt Assoziationen an Deportationen zu, das drei Generationen umfassende Familienbild spiegelt bürgerlich großbürgerlichen Stolz in der Anpassung an die Tradition. In anderen Arbeiten spielt sie auf kunsthistorische Größen an, Böcklin, Schaditz, Schneider oder auf Sigmund Freud.

Mit dem Ausstellungstitel "Votiv" greift Katrin Heichel ein volkstümlich religiöses Bildgenre auf, dessen psychologische Implikationen sie auch im Alltäglichen, Privaten sucht ­ und findet. Nicht nur die bewussten kleinen Vertragsabschlüsse des Menschen mit dem Jenseits greift sie auf, sondern alte Traditionen und archaische Rituale findet sie in vielen Motiven konserviert. Im Herz, dem Vogel, der Raupe, der Kröte, die für alles steht, was Frauen angeht, den Unterleib, das Heidnische, das, was es zu dämonisieren galt. An die 100 Arbeiten alltäglicher und nicht alltäglicher Gegenstände, magisch, mystisch aufgeladen gruppiert sie zu einem altarähnlichen Ensemble, jedes Bild für sich ein kleines kostbares Votiv, gemalt in Eitempera, Blattgold oder Öl, damit es vordergründig "samtig und sanft" aussieht. Das sind sie bei genauem Hinschauen natürlich nicht, dann nämlich, wenn am Rosenkranz Augen aufgefädelt sind!

Bis 9.4.2010, Galerie Schlag, Meisenburgstraße 173

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