Samstag, 3. Juli 2010

300 Seelöwen und übermalte Nackte in Mülheim

 
4000 Gartenzwerge in München, 7000 Dürer Hasen in Nürnberg und nun 300 seriell gefertigte Seelöwen aus Plastik für Mülheim vor dem alten Styrumer Wasserturm! Freundlich und einladend blickten sie die interessierten Bürger an, von denen sie erworben werden können für einen Preis von 220 Euro plus signiertem Zertifikat, das für deren Echtheit bürgt. Das Bodenobjekt des Nürnberger Künstlers Ottmar Hörl im Rahmen der Kulturhauptstadt schlägt eine künstlerische Brücke zum neuen Ausstellungsbereich im Wassermuseum, das sich mit virtuellem Wasser beschäftigt. 
Und das soll Kunst sein? Dieser Frage muss sich der gelernte Maschinenbauingenieur, heute Kunstprofessor in Nürnberg und freischaffender Konzeptkünstler  häufig stellen. Undiskutiert, unumstritten ob des künstlerischen Eigenwerts bleiben seine Arbeiten nicht, denn Provokation ist Teil des Konzepts. "Fakt ist, dass ich mit meinen Arbeiten polarisiere. Die einen finden mich total scheiße, die anderen gut, aber ich halte Polarisierung generell für gesund, weil darüber erst Diskussion entsteht. Uneingeschränkte Zustimmung ist einschläfernd." Beteiligung der Bevölkerung an Kunst durch "Plastik als Organisationsprinzip" oder durch schwarz übermalte Kunstdrucke auf Leinwand ist Teil des Konzepts des früh und international erfolgreichen Künstlers. Ironische Interventionen an der Schnittstelle zwischen Natur, Kunst und Gesellschaft sind seine Stärke. Denn Humor bedeutet die Fähigkeit, "zwischen den Zeilen zu lesen", um einen distanzierenden Freiraum für Reflexion und Kritik zu schaffen. 
"Frechheit siegt" heißt die Ausstellung bei Ricarda Fox. Was die Kunstgeschichte mit Mühe und unter dem Deckmantel mythologischer Symbolik freigelegt hat, zieht Hörl wieder an.
Indem er den nackten Grazien von Rubens schwarze Socken verpasst, Ingres' Venus einen Bikini oder eine Diana mit Leggins durch den Wald stapfen lässt. Doch nicht nur auf Klassiker der Renaissance und des Barock bezieht er sich, sondern auch auf den größten deutschen Gegenwartskünstler Richter, dessen brennende Kerzen Hörl erlöschen lässt.
Das alles irritiert: Den kunstgeschichtlichen Fundus des Betrachters, denn der ist immer weiter und zugleich enger, als er meint. Die Wahrnehmung, denn Vertrautes erscheint fremd und Fremdes vertraut. Und nicht zuletzt die Debatte über den Sinn Kunst: Was genau an dieser Übermalung ist denn Kunst? Und: Was ist Kunst, wenn nicht das, nämlich die Realisierung einer Idee? 
Bis 6.7.2010, Ricarda Fox, Mülheim, Liverpoolstr. 15, 0208-3787734

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