Dienstag, 12. Oktober 2010

"Wolken ziehen vorüber"

Erschrecken kann die Ausstellung den, der erst auf den zweiten Blick den Humor dieser abgründigen Objekte erkennt. Denn er verbirgt sich sarkastisch hinter scheinbar harmlosen Fassaden, haptisch einladend zwar, denn die meisten dieser skurrilen Arbeiten sind aus Stoff gebaut. Die assoziationsreichen Titel sind es, die den Betrachter schmunzeln oder zusammenzucken lassen, stellen sie doch, lakonisch mildernd oder den ersten Schreck steigernd, einen Kommentar zu traumatisch erfahrenen Situationen dar.
Alles, was vom Menschen übrig ist, sind Hüllen. Leere, hängende, schlaffe Stoffhüllen mit Accessoires gespickt. Variationsreich, handgenäht oder improvisiert zusammen getackert enthalten sie Hinweise auf all das, was man lieber nicht sieht. Verdrängtes, Verstörendes, Vergängliches, Beängstigendes, Brisantes, Banales. Zusammen mit den Titeln lösen sie Fantasien aus, Geschichten, die man ambivalent erleben und ohne Ende weiterspinnen mag.
Im Eingangsbereich in einem Plastikeimer voll mit Beton balanciert auf einem Bein eine mit weißer Spitze bekleidete kopflose Figur. Ein gelbliches Kunststoffgebiss fletscht die Zähne, in angebrachten Ornamenten assoziiert der Betrachter Verbrennung und Qualm. Der Titel? Terror.
In einem Puppenbett aus Holz liegt Kinderkleidung, auf dem weißen Teppich davor, ein aus flauschigen Fransen gezwirbeltes Skelett. Der Titel: Gestern und Morgen.
Im Kabinettraum schwebend hängen fünf Delfine aus Stoff, werfen Schatten, bewegen sich, darunter eine liegende nixenartige Mädchenfigur aus Textilien. Ein ironischer Kommentar zu Ophelia, der hässlich schönen Wasserleiche, die Projektionen und Wünsche bis heute nährt?
Eine anderes Mädchen, bzw. ihre Stoffhülle liegt auf dem Boden, von der Wand über ihr baumeln krakenartige Fangarme, mit kleinen Discokugeln besetzt. Das Bedrohliche, hier ausgelöst durch ein fotografisch appliziertes Gesicht, wird durch den Titel gebrochen. Der lautet lakonisch “Disco“.
Wiebke Bartsch heißt die in Braunschweig geborene Künstlerin, Meisterschülerin von Timm Ulrichs, bekannt durch sarkastischen Humor und kompromisslose Aktionskunst. “Wolken ziehen vorüber“ so die Ausstellung, ist mit 24 vieldeutigen Objekten und einem Konvolut von Zeichnungen eine der umfangreichsten der Künstlerin in der letzten Zeit.

Bis 5.11., GAM Obrist Gingold Galerie, Kahrstraße 59, di-fr 12-18, sa 10-15

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