Mittwoch, 24. November 2010

Das Geheimnis des malenden Affen


Nichts gibt es auf den Bildern, was es sonst gibt, alles ist Kunst, obwohl Motive aus dem Leben gegriffen und figurativ detailliert vermalt worden sind.
Mutation, Transformation, Kombination, unmöglich, surreal, absurd und dennoch wirken diese abgründigen Fiktionen wirklichkeitsnah. Denn die Eingriffe, die Pavel Feinstein mit nahe an der Realitätsgrenze vornimmt, sind ebenso treffsicher wie monumental mit einem Irritationsgrad, der plausibel und deswegen nahezu natürlich wirkt. Manche dieser Wirklichkeitsverschiebungen fallen auf den ersten Blick kaum auf, sind auf den zweiten kaum zu beschreiben und auf den dritten nachhaltig beunruhigend.
Diese Ausstellung des in Moskau geborenen, seit 1980 in Berlin lebenden Künstlers hängt - wo könnte es anders sein? - in Klaus Kiefers Raritätenkabinett. Und natürlich ist alles altmeisterlich fein vermalt, technisch gekonnt, humorig sarkastisch, von großer Akribie und hoher Suggestion. Auch für den, der versucht, sich diesen Bildern zu entziehen, weil er das reale Unheimliche, das bedrohlich Numinose, das, was ihn in Traum und Wirklichkeit jederzeit anfallen kann, nicht erträgt.
Pavel Feinstein, dem großen Altmeister der Gegenwart, wurde diesen Sommer im Osthaus-Museum Hagen eine große, gut besuchte Ausstellung mit rund 80 Bildern beschert. Dass einige davon und darüber hinaus heute noch bei Klaus Kiefer zu sehen sind, ist dem Einsatz des Galeristen und dessen eigener Sammlertätigkeit zu danken.
Aktdarstellungen, Porträts, Stillleben mit verhüllten Fischen, Figurenbilder mit malenden Affen und an biblische Historien erinnernde Szenen sind zu sehen, in denen Feinstein  Meister wie Goya zitiert und sich ironisch sarkastisch mit der Kunst und seinen jüdischen Wurzeln auseinandersetzt.
Die Opferung Isaacs ist eine wüste, bizarre Szenerie, eine in sich verschlungene Figurenkonstellation, in der ein Mann mit Hut lüstern das Messer zückt.
Ein Affe, traurig melancholisch, mit Pinsel und Palette hat auf der Leinwand gerade den ersten blutroten Strich gesetzt. Anfang oder Ende des Bildes? Eine Persiflage auf die Malerei, in der alles möglich ist? Gesellschaftskritik oder deren ultimativer Abgesang?
Was hier noch der Sprache zugänglich ist, bleibt auf anderen Bildern im Rätselhaften. Ein auf einer Schale liegender bandagiertes fischartiges Fabeltier glotzt den Betrachter mit menschlichen Augen an. Das Messer steckt senkrecht im Schweizer Käse, eine Birne ist aufgeschlitzt.
“Klaustrophobische Kammern sind es, in denen Gläser, Schalen, Früchte in rätselhaften Arrangements auf Tischen stehen, als hätte  ein verrückt gewordener Monomane immer wieder von Neuem und vergeblich versucht, die Stillleben von Paul Cézanne und Pieter Claesz nachzustellen. Wie die Erde um die Sonne kreist Pavel Feinsteins Bildwelt um den Gedanken der Opferung, der ja latent in jedem Stillleben mitschwingt, und die unerfüllte, vielleicht ja unerfüllbare Sehnsucht nach Erlösung. Pavel Feinstein ist der Maler einer unerlösten Welt, eitel, und grausam, lüstern und sündig wie die Affen. Unerlöst“ (verändert nach Manfred Schwarz, in: Die Zeit vom: 26.08.2010)

bis 31.12., Galerie Klaus Kiefer, Rüttenscheider Str. 56, di-fr 11-18.30, sa 10-14 Uhr

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