Dienstag, 30. November 2010

Die große Nackte, der kleine Voyeur...

Die große Nackte, der kleine Voyeur, ein Bergmassiv, das im Innenraum liegt, weite Landschaften, dazu Perspektiven, die schwanken, kippen, wegdriften... Nein, man ist nicht in einem surrealen Gemälde unterwegs! Ein solches Etikett gefällt Gama nicht, ebenso wenig wie das der Leibziger Schule, das man seiner Kunst gerne überstülpt. Dafür sind seine Bilder zu lebensnah, obwohl alles fiktiv und vieles bedrückend ist. Eines jedoch stimmt. Psychologisch, sexistisch, phobisch oder unterbewusst aufgeladen sind sie nicht, sondern vielmehr einer ausufernden Phantasie und strengen Disziplin geschuldet. Beide vereint er, im Leben und in seinem Werk, beides hilft ihm, seinen Weg zu finden und sein individuelles Label unverkennbar auf dem Kunstmarkt zu platzieren.
Rätselhaft und unergründlich sind diese ins Großformat ausufernden Bilder. Ein Format, das übrigens seinem Umzug in ein großzügiges Berliner Atelier zu danken ist, ebenso wie das seit einem Jahr erst entdeckte Medium der Zeichnung. Dort erzählt er auf kleinen Blättern, was gern ins Unendliche wächst. Stories von Zwergen, Riesen und anderen Menschen in unmöglichen Situationen. Auf Fliegenpilzen stehend, ohne Kopf oder Unterleib, mit Tieren oder Pflanzen in Umgebungen mit seltsamem Gebüsch. Viele tragen Pantinen wie ein Harlekin oder einfach einen Farbklecks auf dem Kopf, den man für eine Mütze halten kann.
Die Farben? Gedeckt, lasierend, gestisch, neon leuchtend, opak gedämpft oder schummrig im Lokalkolorit. Die Malweisen beherrscht er. Manche Partien muten wie entlastendes Understatement an: Wenn Flächen lose hingewischt oder figurativ angedeutet sind. Gama gehört zu den Menschen, denen das Leben nicht viel anhaben kann. Nicht weil er verwöhnt ist, sondern weil er diszipliniert nach vorne schaut. Weil er ehrgeizig ist, kämpft, sich nicht aus der Ruhe bringen lässt und arbeitet, wie man es sich hier kaum vorstellen kann. "12 Stunden am Tag reichen nicht." Smart und bescheiden, ist er, doch einer, der weiß, was er will. Und es bekommt.

1977 in einem Dorf der Mongolei geboren, wandert er mit 17 Jahren nach China aus. Lernte Chinesisch in 4 Jahren, eine Sprache, die seiner Muttersprache so wenig wie das Deutsche dem Japanischen gleicht. Von 12.000 Bewerben gehörte er zu denen, die als erste auserwählt wurden. Malerei zu studieren am Lehrstuhl für Europäische Malerei an der Kunstakademie in Peking. Der Drill begann und schadete nicht. Eine perfekte figurative Darstellungstechnik eignete Gama sich an, Körper, Raum, Farbe,
Proportion. Dann stellte sich die Frage: Wohin? Klar war, es musste Deutschland sein, Berlin. Dort kam er mit einer Hand voll Euro an, malte, lernte, hatte das Glück entdeckt zu werden. Rechtzeitig von den richtigen Galeristen und Sammlern. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, zumal Gama es verstand, Lücken im Kunstmarkt treffsicher zu erkennen und zu besetzen. Die exotische Ethnonische der Leipziger Schule vielleicht? Die er so gut kennt, weil er es geschafft hat, den zweifachen Kulturschock fruchtbar zu machen für sich und die Kunst. Heute ist Gama deutscher Staatsbürger. Und er fühlt sich wohl hier.

Bis 12.1.2011, Galerie Frank Schlag, Meisenburgstraße 173, di-fr 14-19, sa 11-16

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