Mittwoch, 24. November 2010

Kois und die Braut in Weiß


Drei Ausstellungen unterschiedlicher Technik und kunstgeschichtlicher Ausrichtung hat Colmar Schulte-Goltz in seinem Haus kuratorisch erfahren mit eleganter Hand elegant zusammengeführt: Malerei, Fotografie, Radierung.
Jörn Grootkopp, Jahrgang 69, Meisterschüler Max Uhligs mit Studium an der HfBK Dresden und internationaler Ausstellungstätigkeit, hat früh schon Kunstpreise und Stipendien im In- und Ausland abgeräumt. Warum das so ist, belegt diese Ausstellung: Stilisierte Ästhetik, innovative Technik, subtil humorvolle Gesellschaftskritik im figurativen Gewand, es sind einige der Kriterien, die sich die Galerie auf die Fahne schreibt.
Die Braut in Weiß, der Bräutigam in Schwarz, mit strahlendem Lächeln muten sie wie Statisten ihrer eigenen Hochzeit an. Dass Weiß in Asien die Farbe der Trauer ist, sei nur nebenbei erwähnt, denn der Exportschlager der Braut in Weiß hat sich mittlerweile auch in China etabliert. Er, dessen malerisch verwischten Zügen man die europäische Herkunft ansieht, hält sie so wie sie ihn, nämlich stolz wie ein neu erworbenes Statussymbol. Und das sind die beiden füreinander auch, denn der festliche Schritt über kulturelle Grenzen hinweg in ein privates Leben zu zweit ist heute gewagter und risikoreicher denn je.
Als Assistenzfiguren für der Unvergesslichkeit eines großen Ereignisses fungieren Kinder. Gedankenverloren spiegeln sie das große Glück, glaubhafter als die erwachsenen Gäste, denen schon eher ein skeptisches Lächeln unterläuft. Sie alle malt der Künstler in seiner brandneuen Serie “Honeymoon“, die hier mit den Kois konfrontiert wird, japanischen Zuchtfischen, Staussymbol der gehobenen Schicht. Ohne Wasser, Bassin und Grenzen schweben sie im luftleeren Raum, kreisen umeinander und formieren sich, ein Mikrokosmos, gesteuert von unsichtbarer Hand.
Dazu kommen Bilder von “Anna“ und “Eva“, alltägliche Impressionen aus der Zeit, als sich des Künstlers Atelier über einem Club Prrivée befand. Das Spiel mit Individuellem, Typisiertem und Privatem kennzeichnet ihre Portraits sowie eine distinguierte, dezente Form aktueller Aktmalerei.
Die Malweise? Schichten lasierender Ölmalerei, monochrom fast mit viel Weiß, kaschieren den figurativen Gegenstand bis er verschwimmt, sich verliert in der Abstraktion und Kontur gewinnt in der Dunkelheit. Dann erst leuchten die Farben und differenzieren ihren Ausdrucksdruckswert.

Paris und die Liebe zur Fotografie
Im oberen Stockwerk der Galerie werden mit Wolfgang Klebers Arbeiten Fotografien einer Liebe zu Paris gezeigt. Ein Zeitraum von 1968 bis 2010 wird erfasst, die frühen Impressionen in Schwarz-Weiß, die der letzten Jahre in Farbe.
Seit 1968, zunächst zum Zweck der Dokumentation als Industriefotograf u.a. des Hoch-Tief Konzerns, später vom Willen zu unabhängigem Kunstschaffen gepackt, durchstreift der Künstler die Stadt. Weitläufige Straßen, verwinkelte Gassen, private Szenen, Einblicke in das eigene Schaffen werden gezeigt. Die Arbeit mit dem Model in Interieurs, vor Spiegeln, Vorhängen und Fensterausschnitten fängt er ein, komprimiert zeitgenössische Details, schnittige Fahrzeuge, stilvolle Fassaden, windschiefe Theaterentrees oder intime Zimmerausschnitte. Die Swinging Sixties auf dem Champs-Élysées, das Liebespaar beiläufig vor dem Ausschnitt einer Weihnachtsdekoration, das öffentliche Leben auf dem Place de la Concorde, der Künstler ist der Stimmung, der Atmosphäre, der eigenen Biografie auf der Spur.
Zu Blöcken gehängt verdichten die Fotografien den Lauf der Zeit und die Veränderung der Stadt. Der Künstler als 22-Jähriger, der sein Model nicht bezahlen kann, das Bild im Bild ergibt ein mehrfach gespiegeltes privates Panorama im gesellschaftlichen Raum. Die Museumsbilder zeigen Kopisten bei ihrer minutiösen Arbeit oder ermattete Museumsbesucher im Schatten einer nicht vorhandenen griechischen Skulptur. Flics, Fensterputzer, Privat- und Businessleute beleben die "Straßen der Stadt", den damit umfangreichsten Block der im modernen Print gefassten Fotografien zu einem Preis von 320 Euro.
Die neuen Arbeiten zeigen neben Details den Panoramablick. Das Auge schweift in klassischer Zentralperspektive von oben über das Blau der Stadt, die Fassade von  Notre-Dame, zoomt sich in die Kuppel des Invalidendoms oder über den Eiffelturm, eine mystische Ikone vor dramatisierter Wolkenformation. Selten kommt es vor, dass der Fotograph mit Photoshop nachgeholfen hat. Bei alldem spielt er mit dem herkömmlichen Parisklischee, der Stadt der Liebe und der des einschneidenden sozialhistorischen Wandels.
Ergänzt wird das Bild mit wunderbaren, unbekannten Radierungen von Cézanne, Renoir, Manet, Chagall und Max Liebermann. Selbstbildnisse, spielende Kinder, das Portrait von Baudelaire werden in zeittypischer Rahmung gezeigt.

bis 15.10, kunst-raum/ Schulte-Goltz + Noelte, Rüttenscheider Str. 56, di-fr 12-19, sa 10-16 Uhr

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