Mittwoch, 24. November 2010

Virtuelle Natur auf Leinwand gebannt

Wie Fotografien oder filmische Szenen muten die von Hand gemalten Bilder an, reglos wie ein eingefrorener Moment, Naturausschnitte in weichem und hartem Schwarz-Weiß. Zweige, dichtes Geäst, fließende Blätter sieht man, hermetisch geschlossen in undurchdringbarer, dennoch geordneter Formation. Ein großformatiges Bild öffnet durch Blattwerk den Blick auf einen See mit aufblitzenden Lichtern in nachtschwarzer Dunkelheit.  Eine Aufnahme, meint man, geschossen  durch ein  Nachtsichtgerät. Das könnte es auch sein in der ersten  Phase im Bildbearbeitungsprozess.

Fotorealistisch exakt  gemalt ist jedes Detail, plan und glatt die Oberfläche auf Leinwand oder auf Aluminium hinter Wachs. Einige kleine Arbeiten, in tiefe Rahmen gefasst, werden wie Preziosen präsentiert, Sammlerstücke, die Unterschied und Besonderheit eines jeden Details belegen in einem scheinbar fragilen Idealzustand ästhetischer Perfektion. 
Geboren 1971 gehört Thomas Henninger einer Künstlergeneration an, die in der Anwendung digitaler Bildproduktion technologisch bestens bewandert ist. Und so klont er, der sich vor dem Malen der Bildhauerei verschrieb, seine Bilder per Mausklick am Computer. Er setzt mit dem Cursor den ersten Strich, dann ein Detail im Hintergrund, dessen Perspektive der Künstler einnehmen kann, um das, was im Vordergrund fehlt, zu ergänzen. Um herumzuwandern im virtuellen Bildraum, der dreidimensional und voller Überraschungen ist, weil jede Ecke des Bildes so, aber mit jedem Handgriff auch anders ist, grenzenlos in der Menge möglicher Details.
Romantisch sind diese Bildwelten nicht, sondern eher vom kühlen Hauch perfekter Konstruktion durchweht. Sie sind voll von perspektivischen Frakturen und Spiegelungen, die Erinnerungen aufrufen, um sie zu transformieren in Fiktionen darüber, wie Wirklichkeit sein könnte, aber niemals war. Was diese Gemälde verkörpern, ist ein ganz neues Ideal. Die Sehnsucht des Individuums jenseits von Religion und Transzendenz im Medium virtueller Welten sein eigener Schöpfer zu sein. Eine prometheische Vision ins 21ste Jahrhundert gebeamt? Das wäre zu viel. Denn im Dickicht dieser technisch versierten Bilder wartet das Obskure, das die Berechenbarkeit einer komplexen Welt in Frage stellt.

Bis 8.1.2011, Galerie Fox, Mülheim, Liverpoolstr. 15, 0208-3787734

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