Mittwoch, 15. Dezember 2010

Das Wachsen und Wuchern im Glasgehäuse

Spröde und sperrig, empfindlich und widerstandsfähig ist das Material, das sie bricht oder schneidet, ein Prozess, der bei aller Übung nicht immer ohne Verletzungen verläuft. Gerda Schlembach baut mit ihrer Kunst auf Glas, baut Gehäuse, die, bei aller Transparenz, den Gegenstand, den sie bergen, nicht preisgeben. Er ist sichtbar, aber nicht greifbar, erkennbar, oft nicht definierbar. Veränderbar ist er, obwohl er fixiert ist, denn mit jedem Schritt, den der Betrachter tut, mit jedem Lichtstrahl, der das Objekt trifft, verändert es sich. Schimmert grünlich, ist matt gebrochen, reflektiert oder bleibt manchmal nahezu unsichtbar.
Verschiedene Werkgruppen stellt die renommierte Essener Künstlerin in der Galerie Schütte aus: Fragmentierte Gipsabdrücke von Schulter-, Arm- oder Kniegelenken, innen hohl und mit Glasbruchstücken ausgelegt wie ein organisches, natürlich gebrochenes Mosaik. Die zerbrechliche Hülle der Skulptur wird mit Glasbruch haltbar und widerstandsfähig gemacht.
Handzeichnungen von Blüten, per Computer in Schichten gescannt und dreidimensional simuliert, werden Schicht für Schicht mit Silikon auf Glasscheiben gedruckt, bis ein schwerer, transparent schimmernder Glaskubus entsteht, der das gezeichnete Objekt dreidimensional erscheinen lässt und gleichzeitig dem Blick des Betrachters entzieht. Gallertartige Urwesen, wabernde Formationen, Kakteen, Gefäße, Kapseln schweben hinter Glas, die auf die Doppeldeutigkeit der Wahrnehmung und die Vielfalt organischer Mikrokosmen verweisen.
In einer anderen Werkphase baut sie Multiples aus Glasscheiben auf. Jede Scheibe einzeln mit Acrylfarbe betupft oder bedruckt vermittelt den Eindruck organischer Strukturen. Seesternchen, kleine Explosionen, Kontraktionen und alles im Fluss...
So wie das fotografische Werk der Künstlerin. Gerda Schlembach fotografiert den Blick durch ein Fenster in die Natur durch Stoffrollos hindurch, so dass die Schatten der Dinge bestehen. Andere florale Strukturen vergrößert sie, setzt sie hinter klares Glas mit satiniertem Rand, so dass dieser wie ein Passepartout erscheint. Oder sie druckt sie gleich auf Backlit. Dann wiederum fotografiert sie organische Prozesse in einer Blumenvase, das Wachsen und Wuchern in einer trüben Unterwasserwelt, die sie vergrößert und in Leuchtstoffkästen fixiert.
Akribisch wie ein Forscher nimmt sie Kontakt mit dem Flüchtigen auf, fängt es ein, verbirgt es, wohl wissend, dass es sich nicht festhalten lässt. Dass sie dabei die Gesetze von Fotografie und Skulptur neu erfindet, sei nur nebenbei gesagt.

Bis 31.12., Galerie Schütte, Essen-Kettwig, Hauptstr. 4, di-fr. 14.30-19.00, sa 11-14 Uhr

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