Donnerstag, 3. Februar 2011

Neue Malerei aus Berlin

Ein großformatiges hyperrealistisch gemaltes Bild im Fenster der Galerie, sieht nicht gerade einladend aus, denn was es zeigt, denkt man, will heute kaum jemand sehen. Oder doch? Eine nackte, noch junge Fettleibige flegelt sich auf rotem Samt, zeigefreudig mit all den rosa und pinkfarbigen Nuancen ihres aus den Fugen geratenen Fleisches. Mit Lust und Freude und sonnigem Gesicht bietet sie es dem voyeuristischen Betrachter preis. Sportstudio ade, denke ich und betrete dennoch die Galerie. Dort begegne ich, der Neugier sei dank, thematisch auch anders gearteter Kunst und einem freundlich schmunzelnden Galeristen.
Klaus Kiefer, dem meine Irritation natürlich nicht verborgen bleibt, verweist auf die perfekte Malweise der 1976 in Kasachstan geborenen Künstlerin und auf die Tatsache, dass diese Bilder hier gut nachgefragt sind. Ein überlebensgroßes Portrait Lilli Hills sorgte schon letztes Jahr auf der Artfair 21 Köln für Furore. Die Malweise ja, das Thema ist mein Ding nicht, zumal ein Humor, womit Boteró seinen dicken Damen Grazie verlieh, ebenso fehlt wie der kritische Blick. Oder sitze ich einem Tabubruch auf, der die letzten Züge von Schönheit tilgt, Form, Disziplin, Proportion und Maß, all das, wofür die Kunst seit der Antike kämpft?
Wie dem auch sei, es gibt Interessanteres zu sehen: Die expressive Kunst von Johannes Heisig mit Selbstportraits und Historienbildern der Gegenwart. Ein Erlebnispark, so der Berliner Künstler, verbirgt sich hinter hoch aufgespachtelten Farben und tief gefurchten Pinsel- und Kratzspuren, mit denen der Maler seine gesellschaftsbezogenen Motive freilegt aus einem satten, ölhaltigen Grund, um sie an der Oberfläche des Bildes vage und assoziationsreich anzudeuten. Anstrengen darf sich der Besucher, um Deutungen zu finden: Ein Mann, vielleicht Crack brennend im Dunkel eines Brückenpfeilers, ein anderer, der die Hand aufhält, eine Uhr, ein Mädchen ohne Kopf mit Luftballon, es sind lose gewebte, symbolisch verschlüsselte Großstadtszenen in wunderbarer Farbe, ebenso klassisch wie modern. In anderen Bildern bindet der Sohn und Schüler Berhard Heisigs religiöse
Chiffren und mythologische Verweise ein. Selbstportraits und groteske "Stilleben mit Hammer" gibt es von Johannes Grützke, dem Altmeister der "Neuen Prächtigkeit", zu sehen, intelligent ironische, fein gemalte Szenen von Michael Sowa, ein Interieur "mit Murmeltier" oder ein "Feuerwerk" mit Angela Merkel. Selbstverständlich sind auch Volker Stelzmann, Pavel Feinstein, Torsten Holtz und Heike Ruschmeyer mit neuen verstörenden Kinderportraits dabei.
"Neue Bilder aus Berlin", so der Ausstellungstitel, zeigt wichtige Künstler mit neuen Arbeiten aus der Geburtsstadt des Galeristen.

bis 13. April 2011, Galerie KK Klaus Kiefer, Rüttenscheider Str. 56, di-fr 11-18.30, sa 10-14 Uhr, Fon +49 (0)201 78 82 66

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