Donnerstag, 31. März 2011

Orale Fixierungen


Nicht nur mit dem Auge entdeckt der Mensch die Welt, sondern als Säugling primär mit dem Mund. Raumsinn und Kommunikation entwickeln sich im “oralen Abtasten der Gegenstandswelt“, im lustvollen, erschöpfenden Einverleiben der Außenwelt.

“Oral fixations“ nennt Karen Hsiao, die  in Los Angeles lebende Künstlerin chinesischer Abstammung ihre eigens für die Galerie Fox entwickelte Serie von Fotografien, die sie auf den ersten Blick kaum erkennbaren Übermalungen unterzieht. Darstellungen junger Frauen sind es, konstruierte, künstlich wirkende Rollenportraits, deren Stilisierung  fremdartig erscheint. In der Typisierung wirken die Individuen anonym, ein wenig exotisch vielleicht, und das nicht nur, weil die chinesische nicht der europäischen Physiognomie entspricht. Zu ebenmäßig und formschön präsentiert die Amerikanerin makellose Körper und Gesichtszüge, deren jugendliche Künstlichkeit in meist sinnlich verführerische Pose nur getoppt wird von der kunstvollen Stilisierung der Haare. Wie ein Schleier verbergen sie Körper und Physiognomie, sind zu modisch kunstvollen, barocken oder edelpunkigen Schnitten aufgetürmt, bisweilen brav zu Zöpfen geflochten. Vor oder in ihrem Mund halten die Models, die die Künstlerin alle persönlich gut kennt, ebenso stilisierte Früchte: Rettich, Rüben, Kohlrabi, Feigen, Passionsfrucht, Kiwi, rote oder gelbe Beete und allerlei mehr, manche wirken wie ein Füllhorn, andere wie die klaustrophobische Blockade weiblicher Befindlichkeit.
Als Quelle individueller Befindlichkeit begreift die Künstlerin den Mund, als Organ der vieldeutigen Beziehung zur äußeren und inneren Welt, das den Ausdruck von Emotion und Kommunikation, von lebensspendender Nahrung, sexueller Lust und Tod bringender Tabus formuliere. In diesem Sinne verweist die Unmöglichkeit oraler Äußerung, die Verschlossenheit des Mundes in einigen Fotografien auf das Ende oder die Nicht-Erfüllung des Lebens. Dementsprechend ambivalent, mythologisch und normativ aufgeladen ist auch die Bedeutung der Früchte: Reichtum, Verführung, Genuss, Fruchtbarkeit, Rausch, Ekstase, Gift oder Heilung repräsentieren sie.

Zusätzliche kulturelle Bedeutung unterlegt die Künstlerin ihren Rollenportraits, indem sie darauf verweist, dass eine Befreiung zur Individualität noch nicht überall auf dem Globus stattgefunden habe, so in den ländlichen Regionen Chinas und im Denken der traditionsverhafteten älteren Generation.

Bis 14. 5., Galerie Fox, Mülheim, Liverpoolstraße 15, di-fr 15-19, sa 12-16 Uhr

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