Sonntag, 5. Juni 2011


TRAUM UND TRAUMATA Fünf Malerinnen und ihr Blick auf die Welt


“Kunst ist da, zu zeigen, was viele nicht mögen, die Suche nach oberflächlicher Schönheit ist nicht das Ziel.³ So der Galerist. Dass Klaus Kiefer mit seiner Kunst provoziert, ist bekannt. Dass er eigene Provokationen mit neuen toppt und dabei technisch perfekte Malweisen zeigt, kann man in der derzeitigen Ausstellung sehen. Zum Nachdenken über das Leben regt sie an, auch wenn nicht alles jedem gefällt, denn Kunst ist schließlich auch subjektiv.

Fünf Malerinnen aus Essen, Gelsenkirchen und Berlin zeigen ihre Arbeiten erstmals gemeinsam. Kindheit und Kindheitstraumata, Mythen und Märchen sind die Themen.

“Muss das sein?³, hatte man Hans Helnwein gefragt, als er mit malträtierten, hyperrealistischen Kinderbildern an die Öffentlichkeit trat. “Ja!³, antwortet der Künstler, “denn der Tod bleibt ein Abstraktum, das schwer auszuhalten ist.³

Heike Ruschmeyer, geb. 1955, lebt und arbeitet in Berlin. Pressefotos und gerichtsmedizinische Archive durchforstet sie, neuerdings eigene Fotoalben, die der Familie oder von Freunden. Zutage treten Abbildungen freiwillig oder gewaltsam aus dem Leben Geschiedener, von geschundenen, verworfenen Kindern. Ruschmeyer zeichnet sie analytisch genau, bevor sie alles in schwerer Ölfarbe vermalt, spachtelt, überzeichnet und Spuren von Misshandlung betont, bis das Gewalttätige des Motivs auf der Leinwand steht. In dieser Ausstellung hängen Bilder verstorbener Kinder neben dem Portrait ihres Bruders, die Grenzen zwischen Leben und Tod sind fließend. “Ich hole sie zurück in die Gesellschaft, denn ihr Bild ist noch da. Um es mit Heiner
Müller zu sagen, gehört es zu meinem Demokratieverständnis, sich Gedanken über die Toten zu machen.³

Auch Michaela Classen entzieht sich mit ihrem Werk profitträchtigem Mainstream. Grafikerausbildung, Malereistudium und eine frühe Sensibilität für “magisch-okkulte Konstellationen³ prägen sie. Umso fremdartiger nehmen sich ihre Bilder aus. Knaben stecken in Matrosenkluft, bezopfte Mädchen in Schürzenkleidern, manche tragen Uniform. Emotionslos sezieren sie Tiere, reißen Faltern Flügel aus, verdrehen Köpfe von Katzen, sperren Fische in
Käfige ein. Vorstellungen einer heilen Kinderwelt werden radikal unterwandert und im kalten Stil einer Neuen Sachlichkeit zur Schau gestellt. “Menschen sind keine Engel, sie können brutal, verschlagen, verlogen sein³, so die fünffache Mutter heute erwachsener Kinder. Tatenlos
betrachten die Kleinen ihr schändliches Tun in diesen Bildern, lesbar wie Chiffren kreatürlicher Triebhaftigkeit. Heike Feddern schöpft ihre eigenwillig-fantasievollen Bilder aus dem Fundus
der Mythen und Märchen, verbindet Menschen mit Kobolden, Märchen- mit Fabelfiguren in einer sachlich surreal anmutenden Malweise.

Mit kräftigen Pinselstrichen schafft Bettina Moras expressive psychologische Porträts und Stillleben. Auch sie ist eine Neuentdeckung der Galerie so wie die 1976 in Kasachstan geborene Lilli Hill, die heute in Berlin arbeitet und lebt. Mit ihren nackten Frauenkörpern in barock gesteigerten Formen sprengt sie lustvoll das heutige Schönheitsideal, inszeniert sich in schonungslosen Selbstportraits ohne jedes Tabu. Altmeisterliche Malweise kennzeichnet ihren
Stil, der in Lagen aus Licht entsteht und zum Schluss gefirnisst wird.
bis 31. August 2011, Galerie Klaus Kiefer, Rüttenscheider Str. 59, di-fr
11-18.30, sa 11-14 Uhr

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