Dienstag, 12. Juli 2011

Abstrakte chinesische Kunst


Chinesische Kunst ist anders, das weiß man. Dass sie jedoch nach der Figuration neue Formen der Abstraktion erzeugt, konnte man so oft noch nicht erkunden. 11 Positionen abstrakter chinesischer Kunst sind in der Galerie Schlag zu entdecken, Arbeiten, die großformatig und endlos wirken, weil sie von selten gesehener handwerklicher Präzision und detaillierter Kleinstarbeit sind. Spontan und schnell entstanden ist keine der hier auf zwei Etagen großzügig ausgestellten Werke. Asketische Wirkung und meditative, ruhige Ausstrahlung entfalten sie. Fast alle sind so fein gemacht, dass sich ein westlich geprägter Mensch die jahrelangen Fingerübungen, auf denen sie basieren, kaum vorstellen kann. Ebenso wenig die Bedingungen, unter denen sie entstanden. In kleinen, dunklen, beengten Ateliers und in sehr großen, in Ateliers, die von heute auf morgen niedergerissen und ebenso schnell wieder aufgebaut worden sind.
Langsames Arbeiten, endlose Wiederholungen von Pinselstrichen, Linien, Punkten, Sorgfalt und handwerkliches Können prägen diese Bilder und für viele Künstler muss der Weg ebenso wichtig wie das Ziel gewesen sein. „Slow“ lautet die Devise, das Drosseln der Geschwindigkeit in einer Gesellschaft, wo das einzig Bleibende der Wandel ist. Die zyklische Wiederholung, die Wiederkehr des Immergleichen, einer Linie, eines Punktes, einer Farbverbindung, die sich kaum manipulieren lässt. Es ist der Glaube an „die Verbindung der Dinge“, der zählt, sagt Lao Fu, ein anderer Künstler formuliert ähnliche Erfahrung anders: „ Ich war immer dem Langsamen verpflichtet, der Rhythmus des Lebens in China ist heute extrem schnell.“ (Wang Guangle) Dazu kommt die Erfahrung positiver Selbstbeschränkung. „ Jeder Tag ist anders, aber wir wiederholen bestimmte Dinge immer wieder jeden Tag“ so wie manche Künstler ihre mentalen Körper- und Atemübungen, frühmorgens zur Konzentration bevor der 12-Stunden Tag beginnt.
Allen Positionen gemeinsam ist, dass sie den Raum, die leere Fläche langsam und sehr nachhaltig füllen. Bis es vollendet, bis ein Bild fertig ist, ein Prozess, dessen Ende man am Anfang nicht absehen kann. Auch der Betrachter, der diesen Bildern ausgesetzt ist, muss langsames Sehen lernen oder er erfährt den Inhalt solcher Bilder nicht.
Kreuz- und Querstrukturen in Schwarz-Weiß wie bewegte Schlittschuhspuren (Xu Ruotao), in feinen Farblinien auf Tartan verdichtet wie zu Rohrgeflecht (Ding Yi) oder in meterlang mit der Hand gezogen Linien im rechten Winkel gesetzt von Zhou Yangming. Der Stoff einer Jeans könnte es mikroskopisch vergrößert sein, in China produziert, im Westen getragen und schnell entsorgt. Mit Mischtechnik auf Reisgrund arbeitet Liang Quan, mit gegossenen Ölfarben Yin Ge, Shen Chen produziert feine monochrome, Ma Shuoqing farblich pulsierende, sich öffnende Räume.
Bis 13. 08., Galerie Schlag, Meisenburg 173, di-fr 14-19, sa 11-16 Uhr

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