Mittwoch, 13. Juli 2011

Selfmade Landscapes

Er schätzt ihre Arbeiten und sie seine. Mit dieser Feststellung begannen sie ein Projekt ohne definiertes Ziel, außer dem, zu warten, was entsteht. Das Ergebnis kristallisiert sich in einer wunderbar leicht wirkenden Ausstellung zum Thema Landschaft. "Selfmade landscapes", so der Titel, zeigt, wie Zufall und Konzept, Malerei und Fotografie sich ergänzen, wenn man ihnen Raum zur Entwicklung gibt und die Leistung unterschiedlicher Medien nicht gegeneinander ausspielt. Vertrauen in den Arbeitsprozess und Gelassenheit gehören dazu, und das haben sie: Die Malerin Bianca Müllner und der Fotograf Helge Emmaneel, beide aus Hamburg, sie eine Newcomerin in der Galerie, er mit der zweiten Ausstellung schon etwas länger dabei.
"Ich mag es, wenn das Auge Dinge zusammensetzt, die auseinandergerissen sind" sagt Bianca Müllner, "wenn der Kopf ergänzt, was man nicht sieht." Beobachten, fühlen, durchdenken, die Verbindung von Innen und Außen zu einem stimmigen Bild, das von der Landschaft, die sie sahen abstrahiert und ihr dabei ein spezifisches Gefühl verleiht, ein dem Zufall der Natur entlockter Moment, in der Kunst konserviert. So kann man das Konzept der Künstler skizzieren. Erfahren sollte man es am besten vor dem Bild. Denn hier wird deutlich, was die Reproduktion vorenthält: Dass es beiden Künstlern gelingt, die Stimmung eines Moments anhand eines Landschaftsausschnitts zu verdichten und im Bild erfahrbar zu machen.
Müllner arbeitet mit kalkuliertem Zufall und der chemischen Reaktion von Farben, die sich abstoßen. Die geschüttet werden, die zu brodeln und dampfen scheinen bis sie reißen, wie Lava, die beim Erstarren Spuren hinterlässt. Manchmal sei sie selbst erstaunt, wenn sie am nächsten Morgen entdeckt, welche Formationen sie nachts auf die Leinwand brachte. Rinnsale, schrundige Krümel, Flocken aus Grundfarben, deren Ursprung man in den vielfältigen Brechungen nicht mehr erkennt. Die dann ergänzt, systematisiert und übermalt werden, bis Täler, Berge, Fels-, Wasser-, Wolkenformationen in Abstraktion konzentriert auf der Leinwand stehen.
Helge Emmaneels Arbeiten muten fast noch mystischer, noch malerischer an. Es sind Fotografien von inneren Orten, die er in der Landschaft findet, die er aufsucht und wartend beobachtet, bis ihm der Lichteinfall für den Ausschnitt gefällt. Ein Licht fixiert er, welches die Landschaft vernebelt und emotional unterwandert, bis sie atmosphärisch verdichtet ihre naturalistischen Details verliert. Manche Motive doppelbelichtet er. Jedes ist analog entstanden, weil digitale Manipulation Emmaneels Seherfahrung zuwiderläuft und weil er den Zufall der Natur braucht, um einen Moment zu fokussieren.
In einem Sonderraum stellt er zeichnerische Arbeiten aus, inspiriert von Ausschnitten aus Müllners gemalten und geschütteten Landschaften: Gezackte Linien, aufgerissene Horizonte und manchmal bleischwarze Konzentration von Finsternis.
Aus dem Bestand der Galerie sind im Showroom weitere Arbeiten zu entdecken, kleine Kostbarkeiten von Araki, Paas, Bauer, Meyerowitz, Werling, Zika.

Bis 4.9.2011, GAM Galerie Obrist, di-fr 12-18, sa 10-16 Uhr, Kahrstr. 59

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen