Samstag, 24. September 2011

Wenn Wahrnehmung fremd wird - Fotografie und Designobjekte in der Galerie Fox


Ein Erdbebengebiet aus der Luftperspektive mit Grünflächen und eingestürzten Häusern? Das, zum Glück, ist es nicht. Was wie ein Google-Earth Satellitenbild von einem Katastrophengebiet aussieht, sind zerschredderte Computer-Platinen auf einem Wertstoffhof, und was anmutet wie der Blick in brodelnden Brotteig, erweist sich als chemischer Zersetzungsprozess in einer Kläranlage, gesehen und fotografiert aus mikroskopischer Nahsicht. Spuren im Sand entpuppen sich als Spuren auf einem gefrorenen Flusslaufs,plastische, haptisch einladende bunte Strukturen als Verpackungsabfall unserer Konsumgesellschaft.

What you see is what you get? Von wegen! Diese Beschwörungsformel, der subjektiven Wahrnehmung zu vertrauen, etabliert in der hohen, Pop- und Computerkunst, erweist sich angesichts der Fotografien von Frederick Vidal als grundlegend falsch. Vidal fotografiert, was im Verborgenen unserer Gesellschaft ruht, unansehnlich, unappetitlich und visuell nicht toleriert. Mülldeponien, Kanalisationen, Tierkörperverwertungen, Klär- und Verbrennungsanlagen, die Schattenseiten unseres Lebensstils, stehen im Fokus der Arbeiten des Kasseler Fotografen.

Senkrecht und in sehr geringer Distanz steht er mit seiner altertümlichen Plattenkamera dort, wo der Gestank “bestialisch³ und unbeschreibbar ist, ebenso wie “die Bakterien, die ihn nach dem Besuch einer Kläranlage“ heimsuchten. In seinen Bildern manipuliert, inszeniert, verfremdet er nichts, setzt “keine Effekte, weder Filter noch Unschärfen³ ein, bis auf die Perspektiven, die in ihrer Direktheit ungewöhnlich sind. Ohne die Dokumentation aufzugeben, schafft er ästhetisch ansprechende abstrakte Bilder, “die an Malerei erinnern und von bizarrer Schönheit sind.³ Ein viel versprechendes neues Thema in der Fotografie hat er gewählt, eines, das Abwehr und Anziehung gleichermaßen provoziert.

Zusätzlich werden in der Galerie Fox Objekte vorgestellt, die aus der Zusammenarbeit von Sandra Groll und Frederick Vidal entstanden. Vidals Fotografien liegen hinter Plexiglas, begrenzen die Außenwände besonders hochwertiger, geometrisch genau geschnittener Designstücke, die ihren Gebrauchswert als Möbel erst auf den zweiten Blick erkennen lassen: Um die Fotografie aus der Fläche zu befreien, ihr faktische und nicht nur abbildende Raumwirkung zukommen zu lassen. Gebrauchswert und Kunst, Design und Funktion gehen in diesen kubischen Obejekten eine ästhetisch gelungene und hochwertige Verbindung ein.

Bis 9.10., Galerie Ricarda Fox, Liverpoolstraße 15, 45470 Mülheim, di-fr 15-19, sa 12-16 Uhr

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