Dienstag, 3. April 2012

Gemalte Haiku


5, 7, 5, das sind drei Verse mit 17 Silben eines minimalistischen Gedichts, die vertikal oder horizontal angeordnet sind, je nachdem, ob der Text der deutschen oder japanischen Schreibweise folgt. Haiku nennt sich diese hochkonzentrierte lyrische Form, in der japanische Zen-Meister den Gedanken zur Anschauung bringen, dass die ständig sich wandelnde Natur auch als Sprache in Erscheinung trete.

“Doch in welchem Verhältnis steht Sprache zu jenen inneren Vorgängen, die sie zu “beschreiben³ versucht? Wie viel und was geht bei der Transformation von Wahrnehmung in Sprache verloren?³ Diesen Fragen geht Klaus Schneider nach und die Tatsache, dass er sie stellt, drückt bereits Skepsis aus. Denn er weiß, und das zeigt seine Kunst, dass “Mitteilungsformen außerhalb der Sprache für den Menschen lebensnotwendig sind³. Musik, Tanz, Spiel und Bild eröffnen andere Ausdrucksformen und sorgen dabei für dieses vibrierende “Flimmern zwischen Gedanken und Gefühl³.

Und genau dieses “Flimmern³ zwischen Ungewissheit der Wahrnehmung und festem Bild kann man in der Ausstellung von Klaus Schneider in der Galerie Schütte erfahren.

Zarte Aquarelle in kleinem Format zeigen Farben und Formen in großer Vielfalt und formaler Variation. Dass die Anordnung von Linien und Flächen, Kreisen und Rechtecken, regelmäßigen, gleichen, ähnlichen und unterschiedlichen Formen dem Haiku Takt folgt, ist kaum vorstellbar, weil jedes Bild, ungleich einem Gedicht, deutlich mehr Variationsspielraum erlaubt. Und dabei, zumindest sieht es in der Kunst Klaus Schneiders so aus, hat das Bild eine deutlich höhere Präsenz als das Wort. Denn jedes dieser Bilder spricht genau jene Wahrnehmung an, die das Wort nicht formulieren und erst recht festhalten kann, einen Farbklang, die Flexibilität einer Linie, das Zusammenspiel von Formen.

Neben den zart farbigen Haiku-Visualisierungen gibt es Collagen und sorgsam austaxierte farbige Bilder in intensivem Klang zu sehen, rhythmisch wie Jazz, ebenso sprunghaft und frei. In anderen Arbeiten integriert Schneider Zeichen in Brailleschrift hinter Glas, und zwar so, dass weder der Blinde noch der Sehende sie dechiffrieren kann. Denn dem Blinden fehlt die Haptik, dem Sehenden die Bedeutung dessen, was er lesen kann.

Bis 10.3., Essen Kettwig, Hauptstraße 4, di-fr 14.30-19, sa 11-14 Uhr

Parallel gibt es unter dem Titel “ein-blick³ im Kunstraum der Scheidt¹schen Hallen eine weitere sehr sehenswerte und umfangreiche Ausstellung mit Bildern und Fotografien aus der Sammlung Schütte.

bis 15.4., sa 14-18, so 11-18 Uhr, Ringstraße 51, Tor 1 Ostern geschlossen

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