Mittwoch, 29. Mai 2013

Ein Stilwechsel bei Ines Hock



Wer die Künstlerin kennt, wundert sich: dass sie ihren beliebten Stil radikal verändert hat und den Betrachter mit neuen Arbeiten konfrontiert, die in das Gesamtwerk so recht noch nicht passen wollen. Statt fließender Farbnebel, in die man sich gern fallen ließ, präsentiert sie farbige Rechtecke mit klarer Kontur auf eisig weißem Grund. Einem Weiß, das die Farben intensiv aufscheinen und erst dann weicher werden lässt, wenn die Leuchtröhren erloschen sind.  

Den ehemals monochrom atmenden Farbkörpern stehen nun Reihen farbiger Rechtecke gegenüber. 7, 8 oder 9 werden in unregelmäßigem Abstand neben- und 16-18 Mal untereinander auf die Bildfläche gesetzt. Jedes, aber wirklich jedes, hat eine eigene Farbe und Form, eine, die sich nie wiederholt und nur geringfügig verändert. Um auch in einer anderen Arbeit so nicht wieder aufzutauchen.

Fast 100 Farbfelder beherbergt ein Bild, zusammen ergeben sie ein lockeres Geflecht ohne Zentrum und Ruhepunkt. Sicherheitsabstände in der  Komposition und kontrastive Farben verhindern, dass die Flächen verschwimmen oder allzu harmonisch ineinandergreifen.  

Den interessierten Käufer beneidet man in diesem Fall vielleicht nicht, denn hier hat er wirklich die Qual der Wahl. Ähnlich muten die ausgestellten Farbreihen an, Unterschiede in Stimmung und Ausdruck sind zunächst schwer wahrnehmbar. Ein wenig belanglos und dabei eigendynamisch wirken die Formen auf Leinwand, weicher und harmonischer die auf Aquarell gehauchten.

Vertieft man sich, lassen einen die Arbeiten nicht los. Feine Farbnuancen und explosive Spuren aktivieren Formen mit fließendem Innenleben, das die geschlossenen Formen lebendig und unverwechselbar macht. Es scheint, als spiele die Künstlerin in meditativer Arbeitsweise alle möglichen Formen der Farbe, ihrer Mischung und Erscheinungsform durch. Korrigierbar ist nichts, ein falscher Strich, eine Nuance, die nicht passt, und das Resultat gehört der Vergangenheit.

En miniature rumort in der Tiefe des Bildes ein Mikrokosmos, der der Ordnung des Bildganzen widerspricht. Sucht der Betrachter auf der Makroebene nach einem Zentrum vergebens, findet er Halt in der Kleinststruktur. - Eine Aussage, die man auch als gesellschaftliches Statement verstehen könnte? 

Was Ines Hock bisher lyrisch eingebunden hat, wird in den aktuellen Arbeiten getrennt. Das Ganze zerfällt in Teile, diese wiederum bauen einen losen Zusammenhang auf. Einen auf Zeit, einen der widersprüchlich ist, geordnet, aber ohne unverrückbare Struktur. 

Bis 22.6. 2013, Galerie Schütte, Essen-Kettwig, Hauptstr. 4, di-fr 14.30-19, sa 11-14 Uhr

Mittwoch, 22. Mai 2013

BERLINER LISTE feiert 10-jähriges Jubiläum im Kraftwerk Berlin Dr. Peter Funken wird neuer Kurator der Entdeckermesse für zeitgenössische Kunst

Vom 19. – 22. September 2013, zur Berlin Art Week, findet die BERLINER LISTE erneut im Kraftwerk Mitte in der Köpenicker Straße statt. Zum 10. Mal lädt die Messe für zeitgenössische und moderne Kunst internationale Galerien, Projekträume und Künstler dazu ein, sich als Aussteller zu bewerben. Angesprochen sind vor allem neue, spannende Talente und Galerieprogramme, die sich im außergewöhnlichen Ambiente der früheren Kraftwerkshalle in Berlin-Mitte einem breiten Publikum präsentieren möchten.
„Die Chance der BERLINER LISTE liegt darin, dass sie mit aufstrebenden Galerien und Künstlern zusammen arbeitet, die sich (noch) auf einem gemäßigten Preisniveau befinden. Auf diese Weise können viele Menschen Originale und Auflagenkunst erwerben und gleichzeitig zu Förderern von Gegenwartskunst werden“, betont Jörgen Golz, der aus Essen stammt und seit 2012 Geschäftsführer der Messe ist.

Neuer Kurator der 10. BERLINER LISTE ist Dr. Peter Funken. Der Kunstjournalist ist seit langem auch als Kurator tätig und hat erfolgreiche Ausstellungen wie z.B. "Polnische Avantgarde 1930 – 1990“, "Der Fleck in Geschichte und Gegenwart" und zuletzt "Wunderkammer", ein deutsch-polnisches Ausstellungsprojekt mit 24 KünstlerInnen aus beiden Ländern, Stettin, Berlin, 2012/2013 betreut.

„Ich möchte innovative, qualitativ hochwertige Kunst finden, sie zeigen und ins Gespräch bringen. Mit der BERLINER LISTE sehe ich die Chance, Menschen zusammenzuführen: Künstler, Galeristen, Projektraumbetreiber, Kuratoren, Kunstverrückte und Kunstverliebte“, so Dr. Peter Funken. „Berlin ist eine Kunst-Metropole im Fadenkreuz der vier Himmelsrichtungen und ein zentraler Magnet für KünstlerInnen aus der ganzen Welt. Kunst ist unser gemeinsames Vermögen, egal woher sie kommt, aber die Substanz muss stimmen. Es geht mir darum, auf der Berliner Liste internationale Kunst von Niveau auszustellen - die Messe soll ein Erlebnis werden.“

Interessierte internationale Galerien, Projekträume und Künstler sind eingeladen, sich vom 19.- 22. September 2013 als Aussteller zu bewerben: www.berliner-liste.org.

Die BERLINER LISTE findet vom 19. - 22. September 2013 statt.
Messestandort: Kraftwerk Mitte, Köpenicker Straße 70, 10179 Berlin-Mitte
Eintritt: Tagesticket 13 €, Tagesticket ermäßigt 9 €, beides inkl. Katalog



Kontakt

BERLINER LISTE, Bundesallee 88, 12161 Berlin, fon +49-30-77008993, fax +49-30-77008995, info@berliner-liste.org

Ralf Glasmeier in der Galerie Kabuth

Zur Erinnerung an den vor 10 Jahren verstorbenen, international rennomierten Konkreten Künstler und einzigen Biennale Teilnehmer der Stadt Gelsenkirchen Rolf Glasmeier werden ausgewählte Arbeiten aus seinem Nachlass präsentiert.


Rolf Glasmeier, 1945 in Pewsum bei Emden geboren, studierte an der Hochschule für Gestaltung  in Ulm und war 1969 Gründungsmitgleid der Künstlergruppe „B1“, 1970/71 in der Villa Massimo in Rom, 1985 Dozent an der Fachhochschule Kiel. Berühmt sind seine Kaufhausobjekte, in denen er industriell gefertigte Teile wie Lichtschalter, Fenstergriffe, Gardinenschienen oder Kleiderbügel zu Trägern der seriellen Gesamtstruktur des Objekts gestaltet.

Bis 21.6. 203, Galerie Kabuth, Gelsenkirchen, Wanner Str. 4, Termine nach Vereinbarung

Aufgrund des überaus großen Interesses wird die Ausstellung ROLF GLASMEIER zum 10. Todesjahr bis zum 20.07.2013 verlängert.
Öffnungszeiten: DI, MI und DO von 11-15 Uhr

Fotografie - Zeitbild - Soundinstallation

Die künstlerischen Arbeiten von Elke Seeger reflektieren das Medium Fotografie. In verschiedenen Werkgruppen untersucht sie die Grenzen des Mediums zur Malerei, zur Grafik und zum Film, indem sie über die detaillierte Darstellung der Wirklichkeit abstrahierende Momente erarbeitet.
In der aktuellen Ausstellung projiziert sie extrem langsam bewegte Videoaufnahmen in das still gestellte Bild einer Fotografie. Diese „Zeitbilder“ versuchen, die Grenzen zwischen dem stillen und dem bewegten Bild aufzubrechen und in cross-mediale Installationen zu überführen.
 

Auf eines der sechs ausgestellten  „Steinstücke“ (2009) wird mittels Video die grafische Umsetzung des gleichen Motivs projiziert. Die Projektion, die einer Wellenbewegung gleicht,  mal unmerklich, mal intensiv wahrnehmbar, lässt das Bild zwischen Grafik und Fotografie schweben. Zwei Diptychen, auf denen ein blaues Seestück in einen endlosen blauen Himmel überzugehen scheint, entfalten eine nahezu abstrakte, malerische Wirkung. Beim näheren Hinsehen kräuselt sich das Blau zu Wellen: In „Horizont“ (2008) hat Seeger eine Videoaufnahme des Nordmeeres auf die Fotografie von Wellen projiziert. Die gleich bleibende, sich immer wiederholende Bewegung des Wassers, greift der Komponist Thomas Neuhaus für seine Klanginstallation auf. Die Klänge des Raumes werden aufgenommen, überarbeitet und in den Raum zurückgespielt, wo sie erneut aufgenommen werden.

Das Ergebnis ist eine vielschichtige Verknüpfung von Bild, Ton, Raum und Zeit. Der Betrachter spürt, dass er sich für die Arbeiten von Elke Seegers Zeit nehmen muss. Denn nur in der fast meditativen Versenkung erkennt er, dass die Bilder mehr sind als das, was sie abbilden.
In der neusten Serie „Wolkenatlas“ (2012) legt  die Künstlerin nicht nur Fotografien von Himmelsbildern übereinander, sondern auch von Papierbahnen und Gemälden. So entsteht aus dem Fundus ihrer Assoziationen und Abbildungen Schicht für Schicht eine neue Komposition über das Gesehene hinaus.

Elke Seeger (*1964) studierte an der Kunstakademie Düsseldorf freie Grafik sowie Fotografie.  Seit 1992 ist sie als freie Fotografin tätig, seit 1999 Hochschulprofessorin im Fachbereich Gestaltung an der Folkwang Universität.
Thomas Neuhaus (*1961) studierte in Essen. Seit 2004 ist er Professor für Musikinformatik am ICEM und seit 2011 dessen künstlierischer Leiter (Institut für Computermusik und elektronische Medien)..

Galerie Schloss Borbeck,  bis 7. Juli,  Di-So: 14.00-18.00 Uhr

Freitag, 17. Mai 2013

Der Kinderstube entwachsen

Ihre Herkunft aus der Kinderstube verbergen diese Bilder nicht. Ein bissig böses Chaos zelebrieren sie und fördern fröhlich zutage, was in der Kinderseele angelegt ist. Spontaneität, Anarchie und Entdeckungsfreude lauern da, Wut und Aggression, wenn den Kleinen abtrainiert wird, was gesellschaftlich nicht akzeptabel scheint. So gut, so nachhaltig und so weit, bis auch der Erwachsene sich wundert, wozu die Thronfolger fähig sind. Und welch Abgründe vielleicht auch uns noch verborgen sind.
„I could barely understand myself“ so heißt die Schau, die neue Arbeiten von Wiebke Bartsch zeigt. Der Titel, ein Kommentar der Münsteranerin auf den Künstler, der seine Kunst erklärt? Malerei, Zeichnung, Skulptur, ein unbändiges Cross-Over ausgereifter Techniken zeigt die Meisterschülerin von Timm Ulrichs und zum ersten Mal Hinterglasmalerei. Mit bleischwarzen Konturen gewinnt Farbe Leichtigkeit und Struktur, und zwar eine, die ironisch lakonisch traditionelle Kontexte konterkariert.
Denn in diesen Bildern ist nichts verboten und alles möglich. Anarchischer Frohsinn, Lust und Angst bestellen das thematische Feld, eines, in dem Bartsch Fragen von Körperlichkeit und Sexualität unter die Lupe nimmt. Natürlich lässt sie es sich nicht nehmen, selbst in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen, die ein Kind locker und munter, ein Erwachsener wohl eher verstört bekleidet.
Ernst oder Spiel, Maske oder Identität sind hier die Sinn stiftenden Fragen. Individuelle und kollektive, kindliche und erwachsene Traumata vermischen sich. „Ich liebe dich nicht, ich liebe dich nicht, ich liebe dich nicht“ verkündet ein Schriftzug auf einem Bettlaken in Endlosschleife. in Endlosschleife. Ein messerschwingendes Kind, comicartig überzeichnet, ist ausgestattet mit den Zügen der Künstlerin. Ein anderes lässt den Kopf seiner Puppe rollen wie Judith den von Holofernes. Krabbeltiere treten auf im Sado-Maso Kostüm oder mutieren monsterartig mit Kraken-Füßen und aufgerissenem Schlund.
Dem inhaltlichen entspricht ein mediales Cross-Over. Bemalte Leuchtkästen tragen Pelz besetzte Bordüren. Aus Zweidimensionalem wuchern Handschuh, Haarbürste oder Perücke heraus. Gemalt wird auf Bettlaken, Leinwand, Papieren, was nicht passt, wird überklebt und collagiert. Nicht zu übersehen am Ein- und Ausgang dieser unterhaltsam verstörenden Schau lauert „Zentaura“ , ein monumentales Mischwesen aus Couch und Mädchen, ein mythologisches Gegenbild. Nicht lüstern und wild sondern traurig und leer schaut die aufgepolsterte Frau in die Welt, eher tragikomisches Opfer denn Held.

Bis 15.6.2013, Galerie Obrist, Kahrstr. 59, Mi-Fr 12-18, Sa 10-16 Uhr u.n.V.

Samstag, 4. Mai 2013

Learn to fly ... David Uessems Debut im Kunstraum

Hip sein heißt cool sein, heißt stark sein, geradeaus zu blicken und den eigenen Weg zu bahnen. Mit David Uessem hat Colmar Schulte-Goltz einen professionellen Jungstar entdeckt, hochtalentiert und ästhetisch innovativ. Smart und dynamisch malt er wie ein Altmeister das Portrait der Generation Y - und sprengt dabei jede Malkonvention. Ausgerechnet Portraits hat er sich ausgesucht, eine Kunstgattung, die älter als klassisch ist, und der man kaum Neues hinzufügen kann. Das jedenfalls kann ein Betrachter vermuten, der diese Arbeiten nicht kennt. 


  Mit Kopfhörer, Fliegerkappe und Football-Helm treten die meist männlichen Models an, den Blick geradeaus und ohne Emotion. Aus der Nahsicht brennen sich ihre lichtglänzenden Blicke aus kristallklaren Pupillen ein, frontal, unausweichlich, sie lassen nicht los. Eindringlich ist die Präsenz der Dargestellten, hyperrealistisch die Malweise. Makellos sind alle Menschen und perfekt, auch wenn sie Fältchen und kleine Blessuren zutage tragen. Abbruch tut dies ihrer jugendlichen Schönheit nicht, denn gerade diese ist „bis in die letzte Pore erfasst“, so der Galerist. 

Doch bei aalglatter Perfektion bleibt Uessem nicht stehen, denn er sucht mehr als ein vordergründiges Programm. Mit 120-prozentiger Sehschärfe dringt er unter die Haut. Er seziert die glatten Oberflächen, zoomt sie heran, bläst sie auf. Er übertreibt und übersteigert die Farbe, leuchtet sie grell, bisweilen bis ins Unerträgliche aus. Dabei liebt er diese leicht schrundigen Oberflächen, durchwühlt sie malerisch, analytisch und liefert sie der zeitgenössischen Betrachtung aus. 

Hat er das Perfekte geschaffen, zerstört er es - mit dem Risiko, dass das Bild zerfällt. In seine ursprünglichen Bestandteile, ins Medium der Farbe, die Materie, die es ausmacht, und wovon das Bild lebt. Uessem ist streng mit seinem Perfektionsanspruch, doch nicht gnadenlos. Er lässt uns den Schein dessen, was er Schönes schaffen kann, bevor er zu Rakel, Quast oder bretthartem Pinsel greift. Um die perfekten Oberflächen zu zerstören und manche Partien bis zur Unkenntlichkeit zerfließen zu lassen.

Und so kann es kommen, dass ein kussroter Mund zur Blutspur gerinnt, Gesichter zerfransen, perfekte Konturen aus der Spur geraten. Dass der Dandy mit seiner Zigarre zerfließt oder ein jugendlicher Schönling zum glühenden Priester mutiert. 

Man kann diese Bilder lesen als Hymne an die Schönheit und ihre Vergänglichkeit, an die Kunst und ihre trügerische Abbildhaftigkeit. Doch bierernst ist es dem Künstler bei alldem nicht. Zu fest und positiv ist er im Zeitgeist verankert, den er ihn bisweilen ironisch bricht. Z.B. wenn ein Selbstportrait für seinen Personalausweis nutzt. 

bis 1.6.2013, Kunstraum Schulte-Goltz+Noelte, Rüttenscheider Str. 56, Di-Fr 12-19, Sa 10-16 Uhr