Freitag, 17. Mai 2013

Der Kinderstube entwachsen

Ihre Herkunft aus der Kinderstube verbergen diese Bilder nicht. Ein bissig böses Chaos zelebrieren sie und fördern fröhlich zutage, was in der Kinderseele angelegt ist. Spontaneität, Anarchie und Entdeckungsfreude lauern da, Wut und Aggression, wenn den Kleinen abtrainiert wird, was gesellschaftlich nicht akzeptabel scheint. So gut, so nachhaltig und so weit, bis auch der Erwachsene sich wundert, wozu die Thronfolger fähig sind. Und welch Abgründe vielleicht auch uns noch verborgen sind.
„I could barely understand myself“ so heißt die Schau, die neue Arbeiten von Wiebke Bartsch zeigt. Der Titel, ein Kommentar der Münsteranerin auf den Künstler, der seine Kunst erklärt? Malerei, Zeichnung, Skulptur, ein unbändiges Cross-Over ausgereifter Techniken zeigt die Meisterschülerin von Timm Ulrichs und zum ersten Mal Hinterglasmalerei. Mit bleischwarzen Konturen gewinnt Farbe Leichtigkeit und Struktur, und zwar eine, die ironisch lakonisch traditionelle Kontexte konterkariert.
Denn in diesen Bildern ist nichts verboten und alles möglich. Anarchischer Frohsinn, Lust und Angst bestellen das thematische Feld, eines, in dem Bartsch Fragen von Körperlichkeit und Sexualität unter die Lupe nimmt. Natürlich lässt sie es sich nicht nehmen, selbst in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen, die ein Kind locker und munter, ein Erwachsener wohl eher verstört bekleidet.
Ernst oder Spiel, Maske oder Identität sind hier die Sinn stiftenden Fragen. Individuelle und kollektive, kindliche und erwachsene Traumata vermischen sich. „Ich liebe dich nicht, ich liebe dich nicht, ich liebe dich nicht“ verkündet ein Schriftzug auf einem Bettlaken in Endlosschleife. in Endlosschleife. Ein messerschwingendes Kind, comicartig überzeichnet, ist ausgestattet mit den Zügen der Künstlerin. Ein anderes lässt den Kopf seiner Puppe rollen wie Judith den von Holofernes. Krabbeltiere treten auf im Sado-Maso Kostüm oder mutieren monsterartig mit Kraken-Füßen und aufgerissenem Schlund.
Dem inhaltlichen entspricht ein mediales Cross-Over. Bemalte Leuchtkästen tragen Pelz besetzte Bordüren. Aus Zweidimensionalem wuchern Handschuh, Haarbürste oder Perücke heraus. Gemalt wird auf Bettlaken, Leinwand, Papieren, was nicht passt, wird überklebt und collagiert. Nicht zu übersehen am Ein- und Ausgang dieser unterhaltsam verstörenden Schau lauert „Zentaura“ , ein monumentales Mischwesen aus Couch und Mädchen, ein mythologisches Gegenbild. Nicht lüstern und wild sondern traurig und leer schaut die aufgepolsterte Frau in die Welt, eher tragikomisches Opfer denn Held.

Bis 15.6.2013, Galerie Obrist, Kahrstr. 59, Mi-Fr 12-18, Sa 10-16 Uhr u.n.V.

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