Freitag, 28. Juni 2013

Im Dickicht schwarzer Linien

„Schwarze Striche wie Peitschenhiebe..., schwarze Striche wie Stacheldrähte..., schwarze Striche wie Dornen stechend – Max Uhlig hat die dunkle Linie zu seinem persönlichen roten Faden gemacht.“  Doch Schwarz, dieser dunkelste Ton einer Farbe, bevor sie erlischt, ist bei Uhlig kein Endpunkt, sondern ein existenzieller Seinsgrund, aus dem er seine beeindruckenden Werke ins Leben ruft.


Beobachtete man den gerade 75-jährigen Künstler bei der Arbeit, so passiert auf der weißen Fläche zuerst nichts. Dann formt ein Stakkato konzentrierter Striche das Portrait, baut es aus auf Höhlen, Mulden, Leerstellen auf, bis man Menschliches erkennt: ein Gesicht, eine Geste oder Bewegung in schemenhaftem Umriss und plastisch geformt. 

Diese Motive, Menschen und Landschaften, wirken wie Erscheinungen des ewig Gültigen, wie Gleichnisse, in denen die Schöpfung aufblitzt mit einer Wucht, die erschrecken kann. Etwas Machtvolles haftet diesen Bildern an, denn Uhlig sucht in seiner Kunst „das Wesen der Dinge. „Es geht mir darum, im Gewohnten das Übergeordnete zu entdecken“ und es in Erscheinung treten zu lassen. Nicht unmittelbar, sondern durch prozesshaftes Erfahren oder wie durch einen Sichtfilter erschwert.   

Die menschliche Aura scheint auf durch ein Liniengeflecht,  Bewegungen wirken wie im Körperkäfig befangen. Den Menschen dahinter und seine Energie spürt der Betrachter, ohne dass ein spezifisches Portrait abgebildet ist. Auch wenn man John Lennon oder Altkanzler Schröder erkennt, ein Bild aus Uhligs Hand ist mehr als alles, was man bisher von einer solchen Persönlichkeit kennt.

Max Uhlig, Zeichner, Grafiker, Maler, zeigt Arbeiten aus mehreren Jahrzehnten. Einzel- und Doppelportraits, Straßenszenen und Landschaften mit Bergzügen und massiven Baumkronen, die er aus seinem Atelier in Südfrankreich sieht. Farbleuchtendes wird eingebunden in tiefe, dunkle Töne und fast wütend wirkende Pinselschläge.

Ein aufmerksamer Beobachter, brillianter Erzähler und kritischer Zeitzeuge deutsch-deutscher Geschichte bleibt Uhlig bis heute. Dogmatisches, Unverrückbares, Besserwisserisches, so auch der sozialistische Sozialismus, waren und sind ihm ein Gräuel. Seiner Heimat Dresden ist er treu geblieben, auch wenn er zu DDR-Zeiten als einer der wenigen Unbeugsamen und Ungebundenen dort nicht die Anerkennung erfuhr, die er verdiente. Gut, dass sich das geändert hat und sein Werk heute im In-und Ausland hochgeschätzt wird.

Bis 18.6.2013, Galerie Klose, Rüttenscheider Str. 221, Mo-Fr 10-18.30, Sa 10-15 Uhr

Dienstag, 25. Juni 2013

Silent Spaces

Eine sommerlich leichte Atmosphäre durchströmt das Haus, harmonisch, reduziert und von hoher Konzentration. Frank Schlag hat zwei seiner langjährigen Künstler zusammengeführt, Willie Weiner und Eberhart Ross. Plastik, Zeichnung und Malerei ergänzen sich so perfekt wie die unterschiedlich abstrakten Darstellungsweisen. Drinnen und draußen entsteht so ein bis in die Landschaft hinein kunstdurchfluteter  Raum, den der Betrachter mit Genuss erkunden kann.  
Willi Weiner, 1954 in Bayern geboren, hat in Augsburg studiert, lebt heute in Stuttgart und hat als Bildhauer seit 1979 zahlreiche Preise für sein international renommiertes Werk kassiert.

In der aktuellen, der 4. Einzelausstellung in der Galerie Frank Schlag zeigt er neue Plastiken und Zeichnungen. Besonders bekannt sind die raumgreifenden Plastiken aus Cortenstahl, aus denen er dünnwandige, z.T. farbig gestaltete Hohlkörpern formt. Die unterschiedlichsten Dinge stellen sie dar, Gefäße, Felsen oder Wasser, wobei jedes Werk eine ganz eigene, rätselhafte Ausstrahlung hat. Selbstverständlich und dennoch fremd stehen oder liegen sie da, wie vom Himmel gefallene und von kundiger Hand arrangierte Raumkörper. deren Existenz Fragen nach ihrer Bedeutung aufgibt. 

In den gestisch skripturalen Zeichnungen widmet sich der Künstler unter anderem Gedichten von Hilde Domin „Ich will Dich“ oder „Nur eine Rose als Stütze“ und den Werken von Frans Hals.
 
Eberhard Ross geboren 1959 in Krefeld, studierte an der Universität in Essen bei Laszlo Lakner und Friedrich Gräsel. Nach der Gruppenausstellung „Best of Ruhrgebiet – Top 20“ im Jahr 2012 ist dies die erste Einzelausstellung des Künstlers in der Meisenburgstraße. Zu sehen sind überwiegend Bilder aus den Jahren 2012 und 2013 aus der Serie „Speicher“ und Beispiele aus der Reihe der „Schwärme“ und „naturbezogenen Arbeiten“.

In teils stark farbige, oft monochromen Fläche, in die zu Beginn noch feuchte Farbe zeichnet und ritzt Ross feine Linien. Diese erscheinen dem Betrachter wie ein dichtes, abstraktes Geflecht oder die Reihung oder Schichtung nicht dechiffrierbarer Zeichen. Dabei geht es ihm um den Zusammenhang intuitiv erfahrener Strukturen und deren Bedeutung, um ihr spontanes Auftauchen in der Natur und in der menschlichen Wahrnehmung. In klein- und großformatigen, klassisch anmutenden Bildern hält er sie mit Öl auf Leinwand zur langsamen, detaillierten Anschauung fest. 
 
Bis 6.7.2013, Galerie Frank Schlag & Cie., Meisenburgstraße 173, Di-Fr 14-19, Sa 11-16 Uhr

Samstag, 22. Juni 2013

Yun A Shim & Michael Wernitz : Scheinbar

K29 präsentiert Yun A Shim und Michael Wernitz- Diplomant und Absolvent der Malerei Klasse von Prof. Ute Pleugar an der Burg Giebichstein Kunsthochschule Halle. Yun A Shim, sie ist Koreanerin, und Michael Wernitz widmen sich der Malerei im klassischen Sinn. Mit traditionellen Techniken und Mitteln erzeugen sie faszinierende bildnerische Irritationen, die ihre Kunst im 21. Jahrhundert verortet.
Dem Betrachter zeigen sich schwer erschließbare Szenen – eingehüllt in Schwarz. Amorphe Formen und treppenartige Strukturen schweben und verschwinden in einer unbestimmbaren Weiten von Raum und Zeit. Halt durch Bildraum und definierbare Gegenständlichkeit findet man nicht, stattdessen Fragen, die keine Antworten, sondern die Haltung des Suchens als einzige Form der Annäherung festschreiben. 

Gibt es überhaupt eine gewollt erkennbare Realität in Bildern? Oder verharrt der Betrachter nicht immer in den bewusst ausgeworfenen Leerstellen und schwarzen Löchern der Realität? Diese Malerei jedenfalls, die aus der Distanz perfekt wie Fotografie wirkt, ist die einzige, definierbare, aber nur im Unbestimmten verortbare Realität. Die Richtschnur der Dechiffrierung ist die Haltung des Suchens. Denn beiden Künstlern geht es um das Ausloten malerischer Grundprinzipien in einer beständigen Befragung und Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. 

Was ist Malerei? Was ist ein gemaltes Bild? Eine illusionistische Fläche? Ein Gegenstand? Eine Darstellung, Beschreibung oder Erzählung? Ein System, ein Modell, Abbild, Nachbild, Bearbeitung und Verfremdung der Wirklichkeit? So viel ist sicher: Sie bleibt Erfindung und manifestiert sich im Fragen, sie entspringt der Haltung des Suchens und entwirft Hypothesen.  Aber sie verweigert Antworten – die das Suchen möglicherweise beenden würden.
 
Yun A Shim, geb. 1978 hat in Seoul studiert und seit 2008 bei Ute Pleuger in Halle, wo Michael Wernitz, Jahrgang 1980, seit 2010 eine Assistentenstelle im Bereich Malerei bekleidet.

Bis 30.06.2013, Öffnungszeiten nach Absprache, Kreuzeskirchstraße 29

Einen fulminanten Musikabend mit dem in Berlin lebenden holländischen Chansonnier CORNELIS VOOGDT und rundum begeisterten  Gästen gab  es am  13. Juni  bis spät in die Nacht in der Mülheimer Galerie. Die Hommage an JACQUES BREL waren heiter ironische bis melancholische Sprach- und Klangkaskaden, temporeich gesungen in bestechender Zweisprachigkeit. 

Begleitet wurde Voogdt vom Akkordeonisten Gerhard A. Schiewe aus Berlin und dem charmanten schwedischen Streichquartett MALVA aus Göteborg. Zusammen als Quintett sind sie eigentlich eine Tangoformation mit dem Namen Qui a tué le Tango und bereichern ihre Konzerte u.a. mit Tangokompositionen von Astor Piazzolla. Es war ein ganz besonderer Abend, ein besonderer Kunstgenuss, deren bestechende Klänge man zu den Bildern von Aldo Christofaro noch lang im Kopf haben wird. Eine Salonatmosphäre vom feinsten, wie man sie schon fast vergessen hat, wurde von Ricarda Fox wie von unsichtbarer Hand hergestellt. 

Galerie Ricarda Fox, Mühlheim, Liverpoolstr.15

Dienstag, 4. Juni 2013

Neue chinesische Malerei


Zweimal chinesische Malerei wie man sie sich wünscht, wenn sie aus dem Reich der Mitte kommt, wird in der Galerie Schlag vorgestellt. Filigran und handfein gemacht, werden zarte Farben und abstrakte Formen zu Harmonie und perfekter Synthese gebracht. Von Künstlern, die auch in ihrer Heimat hoch anerkannt sind, denn zu eindeutig ist ihre Wertschätzung auf dem internationalen Parkett. Während Chen Qiang mit Familie und Dolmetscher bei der Eröffnung anwesend sein konnte, konnte Liang Quan aus Shenzhen nicht ausreisen. Beide Künstler haben traditionelle, chinesische Malerei gelernt, bevor sie der zeitgenössischen Abstraktion mit ihrer  Beschränkung auf Farbe und Form verfielen. Beide bekleiden Dozentenstellen und Professuren, beide verzichten auf Betitelung der Bilder, da diese, wie Chen Qiang (geb.1960) sagt, irreführend sind. Seine Werke seien lebendig und man solle „sie wie Spiegel betrachten, ein jeder... hineininterpretieren, was er dort sieht.“ 


Wer das aus der Nähe versucht, ist mit einer großen Aufgabe konfrontiert. Man   staunt: Über die unfassbare Anzahl von in Schichten übereinander gesetzter rasterartig rotierender Punkte und Kreise, erst auf fließendem Tuschegrund, dann mit Öl  silberkreiselrund aus der Tube auf die Leinwand gedrückt. Ein jeder Punkt trägt eine Außenlineatur, ein jeder steht für sich, in einem Universum, das aus der Ferne betrachtet eine farbig zurückgenommene Struktur ergibt. Was erst feinglänzend gemalt wurde, wird später zerkratzt und mit einer grafischen Schraffur überzogen, bestehend aus nadelfeinen Linien. 

Hochkonzentriert wirkt der in Shanghai lebende Künstler, der seine Arbeit demnächst  auf wandgroße Formate ausdehnen wird. Einzelne sind schon in Privatsammlungen und öffentlichen Museen zu entdecken.  



Meditation und Malerei sind seine Leidenschaft, die eine vom Zen Buddhismus, die andere von traditionellen Materialien inspiriert. Liang Quan, 1948 in Shanghai geboren, versucht seine Arbeiten wirken zu lassen, als sei die Handschrift des Künstlers unsichtbar. So wie die Dinge in ihrer Nicht-Existenz verschwinden, wenn das Wesen von Zen spürbar ist.  

„Diagramme chinesischer Landschaften“ sind zu sehen auf Reispapier, getränkt mit Tusche und Tee. Rechteckige Flächen bilden ein Grundgerüst, werden strukturiert durch feine Konturlinien und zartfarbiges Aquarell. Man meint Landschaftsparzellen von oben zu sehen mit Wegen und vereinzelten runden Flächen. Leicht, zart und weit wirken sie, wie ein Urgrund, aus dem der Fluss des Lebens spricht. 
   
Bis 29.5.2013, Galerie Frank Schlag, Meisenburgstr. 173, Di-Fr 14-19, Sa 11-16 Uhr