Freitag, 20. September 2013

Dieter Kränzlein und Till Augustin – Versuche über die Auflösung des Materials

Zwei Positionen abstrakter Kunst kombiniert Torsten Obrist zu einer sinnfälligen Schau, in der jedes Exponat großzügig Raum zur Wirkung hat, für sich und im Bezug zum Gegenüber. Beide Bildhauer treiben das Material bis an jene Grenze, wo skulpturale Eigenschaften sich visuell auflösen und in ihr Gegenteil verkehren. Schweres wirkt leicht, die Masse und ihr Volumen komprimiert.

Till Augustin, eine Neuentdeckung des Galeristen, ist - wie auch Dieter Kränzlein - auf dem Kunstmarkt arriviert. Mit Kränen musste man die im Klein- und Mittelformat gefassten Plastiken des Nürnberger Künstlers in der Galerie aufsockeln oder an der Wand befestigen. Stahlseile, Fundstücke oder vom Schrott gesammelte, dienen als Ausgangsmaterial für seine gewundenen, gedrehten Objekte, die dennoch klar in Form und Ausdruck sind. Bei 1200 Grad wird der Hanfkern, die „Seele des Stahlseils“ ausgebrannt und das Material gegen dessen Widerstand geformt. In Knoten, Windungen, Schlaufen oder komprimierte Blockform werden die Zentner schweren Stahlseile gepresst und täuschen in der fertigen Form eine Flexibilität vor, die dem Material nicht mehr zu eigen ist. So sperrig und schwer es im Rohzustand war, so leicht wirkt es in seiner kunstvollen Form. Schnittstellen liegen bloß, Verstrebungen sind retouchiert, eine Patina liegt wie Haut über stumpfen oder polierten Stellen des Objekts. Ein Moment erstarrt im Stahl, Bewegung steht still in der Kunst.

Auch Kränzlein entmaterialisiert sein sprödes Material, bis es eine leichte, lichte Aura erhält. Skulpturen aus Muschelkalkstein, von Kerbungen und Linien durchzogen fungieren als Wandobjekt oder schlank aufschießende Stelen. Sie markieren Schnittstellen zwischen Bildhauerei und malerisch anmutender Textur, zwischen Endgültigem und Prozesshaftem: So wenn Eisenoxid aus Gesteinsporen tritt oder Linien Materialbrüche offenbaren.
Zusätzlich zur Bildhauerei fertigt Kränzlein Steindrucke mit weißem Marmorsand auf weißem Papier. Horizontale und vertikale Linien stehen sich blockhaft geordnet gegenüber. Hier dient der Stein als Trägergrund für die grafische Lineatur, die weiß auf weiß zu verschweben scheint. Neu sind auch die luziden Kunstharzblöcke. Ein weiterer Schritt des Künstlers zur Entmaterialisierung des Materials? Halb opak, halb transparent wirken sie wie Lichtfänger, die weiche, kaum sichtbare Schatten werfen, im Raum und auf der Materialoberfläche der als Kissen, Quader oder Kugel gefassten Körper.

Bis 5.10.2013, Galerie Obrist, Kahrstraße 59, Mi.-Fr. 12-18, Sa. 10-16 Uhr

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