Samstag, 24. Mai 2014

Fracking für Fortschritt?

Mitten hinein fährt die Kamera in Schutt- und Geröllberge, so dass sie sich fühlbar vor dem Betrachter ausbreiten und die Atmosphäre von Umbruch bezeugen. Aufgewühlte Erde, Ausschnitte von Arbeitsgerät und Staubwolken werden präsent vor Landschaften, die in endloser Weite und braungrüner Regungslosigkeit fast malerisch vor dem Auge des Betrachters liegen.
Doch am zentralen Baugeschehen hat Andy Scholz vorbeifotografiert. Fördertürme, Feuer, Gas- und Baucontainer sind die Spuren, die des Menschen Hand in der Landschaft hinterlässt. Brutal und nachhaltig dokumentieren die Fotografien geologische und soziale Veränderungen in North Dakota, wo man vor kurzem auf die größten Ölfunde Nordamerikas stieß. Fracking für Fortschritt war keine Frage, ebenso wenig die Vertreibung der ansässigen Indianer. Doch das sieht man direkt in den Arbeiten nicht.Gewollt ist die nachhaltige Auseinandersetzung mit einem Sujet, das in Kürze in amerikanischen Museen präsentiert werden wird. Schon jetzt ist es Zündstoff für politische und wissenschaftliche Diskussion.
Ein zweimonatiges Stipendium bekam der Essener Fotograf für sein interdisziplinäres Projekt, Zeit genug zu recherchieren, wie mit Mensch und Natur umgegangen wird. Zeugen zu befragen, Spuren zu sichern, aufzuzeichnen, was dem Ölrausch zum Opfer fällt. In kleinem Format hält Scholz in gespenstischer Ausleuchtung und Hommage an David Lynch bühnenartige und zerstörerische Industriekulissen fest, die man hier, dem Engagement des Galeristen ist es gedankt, noch vor ihrer Präsentation in den USA bestaunen kann.
Die großformatigen Inkjetprints auf Fotopapier hängen rahmenlos an der Wand, entsprechend der prozesshaften Arbeits- und Ateliersituation. Videos unterstützen mit Interviews, Musik und Arbeitsgeräusch das klar komponierte, fast wie ein Film-Still wirkende Bild. Anders im medialen Zuschnitt unterstreicht es den sachlich beobachtenden, niemals beschönigenden Blick des Künstlers, dessen Bilder von der Folkwang-Baustelle ihn weit über Essens Grenzen bekannt gemacht haben.

Bis 21.6. 2014, Galerie Obrist, Kahrstr. 59, Mi-Fr. 12-18, Sa 10-16 Uhr

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