Mittwoch, 2. Juli 2014

Zeichen, Muster, Ornament.


Mit dem Ornament in zeitgenössischen künstlerischen Positionen befasst sich die aktuelle Gruppenausstellung in der Galerie Obrist. Neun Künstler und Künstlerinnen der Galerie haben sich unter diesem Thema versammelt, und herausgekommen ist eine frische und unverkrampfte Sicht auf das Ornamentale.
Spätestens seit Adolf Loos hatte sich in der Architektur und dem Produktdesign der Moderne eine weitverbreitete Skepsis gegenüber dem Ornament entwickelt. Propagiert wurde stattdessen die Formel „form follows function“. Dabei konnte das Ornament sich im Alltag bis heute munter erhalten, die Kleidung, die Tischdecke, der Bettbezug, der Teppich, und es scheint, dass wir ein Bedürfnis danach haben: Die Faszination des Menschen an einfachen geometrischen Elementarformen liegt in der Notwendigkeit, aus der Vielzahl der chaotischen Bildreize auszuwählen.
Die Ausstellung „Ornament und Abstraktion“ (2001 in der Fondation Beyeler) versuchte den Nachweis, dass die gesamte abstrakte Kunst im Grunde eine Fortführung der Geschichte des Ornaments ist. Der Kurator dieser Ausstellung Markus Brüderlin sieht im Ornament einen Schlüsselbegriff zum Verständnis der abstrakten Kunst: „Vor der sogenannten modernen Kunst hat die Ornamentik in allen Kulturen und durch alle Zeiten hindurch das Reich des Ungegenständlichen beherbergt. ....das ganze Wissen, das es über Jahrtausende über die Formmöglichkeiten des Ungegenständlichen, und die Fähigkeit, Sinn zu bergen, angesammelt hat, wird für die Entfaltung der abstrakten Kunst immer wichtiger.“ Hier setzt die Ausstellung der Galerie Obrist an, denn Ornament ist keinesfalls mit Verzierung oder Dekoration zu verwechseln, sondern veranschaulicht Ordnungssysteme, die von zeitgenössischen Künstlern kritisch hinterfragt werden.
Es ist kein Zufall, dass das Ornament zeitgleich mit der Entdeckung der aktuellen Kunst aus arabischen und fernöstlichen Ländern in das Zentrum des Kunstdiskurses gerückt ist, Kulturkreise, die eine bis heute ungebrochene Ornamenttradition pflegen. Die Kunstwelt ist zusammengerückt, und das Ornament hat einen guten Teil dazu beigetragen. In seinem Aufsatz “Die Wiederkehr des Ornaments“ beschreibt Michael Thoss das Phänomen: „Das heutige Ende der vereinheitlichenden Ideologien eröffnet wieder den Blick für das Detail. Das Ornament bannt den Blick des Betrachters und verwickelt ihn in komplexe, nicht-lineare, mitunter labyrinthische Geschichten. Es ist eine Erzählweise, die die innere Verwobenheit unterschiedlicher Kulturen und Traditionen ausdrückt: Das Ornament lässt Raum für die Gleichzeitigkeit von Erfahrungen und Emotionen, die in ihm miteinander kommunizieren.“

Zeichen Muster Ornament. Bis 23. August 2014
Galerie Obrist, Kahrstraße 59, 45128 Essen, Mi-Fr 12-18 Uhr, Sa 10-16 Uhr

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen