Samstag, 23. Mai 2015

Keep it real....

heißt die derzeitige Ausstellung von David Üssem, in der er brandneue Bilder mit  erweitertem thematischem Programm präsentiert.
Smart und dynamisch malt er wie ein Altmeister das Portrait der Generation Y und sprengt dabei jede Malkonvention. Ausgerechnet Portraits hat er sich ausgesucht, eine Kunstgattung, die älter als klassisch ist und der man kaum Neues hinzufügen kann. Das jedenfalls kann ein Betrachter vermuten, der seine Arbeiten nicht kennt.
Eindringlich ist die Präsenz der Dargestellten, hyperrealistisch die Malweise. Makellos sind seine Menschen und perfekt, auch wenn sie Fältchen und kleine Blessuren zutage tragen. Abbruch tut das ihrer jugendlichen Schönheit nicht, denn diese ist bis in die letzte Pore erfasst.
Mit 120-prozentiger Sehschärfe dringt er unter die Haut, seziert glatte Oberflächen, zoomt sie heran, bläst sie auf. Er übertreibt und übersteigert die Farbe, leuchtet sie neonscharf, bisweilen bis ins Unerträgliche aus. Hat er das Perfekte geschaffen, zerstört er es, mit Rakel, Quast und bretthartem Pinsel - mit dem Risiko, dass das Bild in seine Einzelteile zerfällt. Das Ziel? Makellose Oberflächen zerfließen, Gesichter zerfransen und eine allzu perfekte Proportion aus der Spur treten zu lassen, denn perfekte Schönheit allein sagt nicht viel aus.
Der Destruktion von Schönheit fügt Üssem in seinen aktuellen Bildern eine neue Ebene hinzu. Stillleben ziehen in seine Bilder ein, das Thema Zeit, das Verharren vor einem schönen Moment, bevor er zerbricht. Unmerklich zuerst, dann unübersehbar, sind weitere hochgradig perfektionierte Bildebenen auf der technisch perfekten Illusion gewachsen und überlagern sie.
Symbolhaltig metaphorische Klebestreifen mit der  Aufschrift „Vorsicht Glas“, zerknitterte Plastikfolien als Kopfbedeckung, Rosenkränze auf Portraits und spiegelnde Folien reflektieren den Raum, die Malerei, den Betrachter in seiner Wirklichkeit. Ein beschwörendes Fest- und Innehalten wird wie ein Memento Mori und Carpe diem zugleich zelebriert im Fluss der Zeit und ihrer unverrückbaren Vergänglichkeit.
Das Stillleben als Kunstgattung rückt ironisch über Alltagsgegenstände ins Visier. Auf einer Schale mit Zitronen, einer Casio Watch, einem Telefon mit Wählscheibe, das er  „smartphone“ nennt, oder auf einem Selbstportrait. Dort  steht der Künstler   regungslos, trägt weißes Hemd mit schwarzem Schlips und seinen alten pechschwarzen Kater Hannibal auf dem Kopf. Schön zu sehen ist, dass traditionsreiche Themen perfekt mit Witz und vitaler Energie modernisiert werden können!  
bis 13.6.2015, Kunstraum Schulte-Goltz+Noelte, Rüttenscheider Str. 56, Di-Fr 12-19, Sa 10-16 Uhr

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