Dienstag, 30. Juni 2015

Das kleine Format von Pavel Feinstein

Das „kleine Format“ von Pavel Feinstein ist groß, denn es beinhaltet bittersüße Aussagen über den Gegenstand, die in raffinierten An- und Ausschnitten die Wahr- nehmung des Betrachters in Bewegung halten. Stillleben im klassischen Sinn sind es nicht, sondern überschwängliche Gegenstände aus Küche, Alltag und Atelier, die durch das Arrangement und die zwingende Malweise den Betrachter bewegen: genau hinzuschauen, über den Bildrand hinauszudenken und Verbindungen zu anderen Bildern dieses burlesken russischen Altmeisters mit jüdischen Wurzeln herzustellen. Er lebt in Berlin und wird vielen hier nicht zuletzt durch die von Klaus Kiefer kuratierte Ausstellung im Osthaus Museum noch in Erinnerung sein. Schwindelerregende, abgründige Bilderwelten wurden 2010 gezeigt mit schillerndem Menschengetier und nackten leichenblassen Leibern, die Welt ein morastiger Sumpf aus Schuld und Sühne.
Blaue Trauben, rote Trauben, Melonen, Zitronen, Aprikosen, Granatäpfel, Käse, ein Brett, ein Messer, die Farbtube, auch diese alltäglichen Gegenstände werden aufregend, wenn Feinstein sie trübem, graubraunem Hintergrund vermalt. Wenn der Granatapfel sich öffnet, die Melone sich spreizt und der schimmelige Käse melancholisch über das Messer läuft, entwickelt sich sogartig die Sichtweise des Künstlers, der diesen allzu vertrauten Motiven rätselhaft sinnliche Strahlkraft und düster morbide Lebendigkeit verleiht. Ob Gemüse, Fisch oder Fleisch, Feinstein vermalt auch das kleine Format auf beiläufiger Hartfaserplatte zu metaphorischen Blitzgewittern einer Welt, in der das Rechte verrückt und die Moral aus den Angeln gehoben ist.
Bis 15.8.2015, Galerie Klaus Kiefer, Rüttenscheider Str. 56, Di-Fr.11-18.30, Sa 10-14.00

Samstag, 27. Juni 2015

Schachtelhalme und – häuser


„Schachtelhalme und -häuser und Essen nicht vergessen“ heißt die neue Ausstellung in der Galerie von Ricarda Fox, in der sie Objekte, Collagen und Assemblagen von drei Künstlern zeigt. Die Eröffnung fand zeitgleich mit dem Essener Kulturpfadfest statt, ein Zeichen, dass sich kulturell etwas bewegt in der Unterstadt, seit auch die Kreuzeskirche die Renovierungsphase gelungen beendet hat und mit künstlerisch Hörens- und Sehenswertem punktet.
Gefundene Versatzstücke des Alltags zeigen sich in der K29 in neuer Ordnung.  Spielerisch, humorvoll, ironisch, kritisch, poetisch nehmen sie den Betrachter mit auf Entdeckungsreise durch Mythen und Märchen. Neu zusammengestellt und dem Alltag entnommen zeigen die Gebrauchsgegenstände, aus denen die Kunstobjekte aufgebaut sind, neue Ordnungsmuster. Assoziationsträchtige Kombinationen ergeben sich da. Eine Suppenterrine von Roland Köhler mit Schöpfkelle und Daunen gefüllt, spiegelglänzende Bergmassive, ein Fuchs, der mit einem Hasen in weiße Tücher gehüllt in einer Holzkiste liegt. Ulrich Köhler stellt das Golden Age neu vor, eine phantastisch futuristische und bildsprengende Vision im handlichen Format.
K29 Ricarda Fox, Kreuzeskirchstr. 29, von außen einsehbar, Öffnungszeiten erfragen: 0208-3787734

Schönheit und Dauer

Die besondere Situation des bevorstehenden Umbaus der Städtischen Galerie Schloss Borbeck bietet dem Künstler Paul Schwer die Möglichkeit einer radikalen Intervention:
Wände können durchbrochen oder verändert werden, so dass die Installation über die Grenzen des bestehenden Ausstellungs- raums hinausweist. Paul Schwer macht seine Eingriffe mit alltäglichen Materialien. Leicht wie Linien schweben seine Konstruktionen aus Neonröhren, Kabeln und Dachlatten durch den Raum, durchmessen ihn und führen die Besucher durch das Chaos von Steckern, Kabeln, bemalten Glasscheiben und Folien. Die Konstruktionen wirken fragil, mit Kabelbindern und Schrauben provisorisch in den Raum integriert. Die farbigen Neonröhren, Glasscheiben und „Baozi“, experimentelle Skulpturen aus dem Kunststoff PET-G, reflektieren das farbige Licht und bringen so Malerei als Energie in den Raum. Eindringlich beschreibt der Intendant des Bonner Kunstmuseums Stephan Berg die Wirkung des Momenthaften in Paul Schwers Arbeiten: „Mag schon sein, dass alle Lust Ewigkeit will, diese Bilder und Bildräume aber feiern die Flüchtigkeit: roh und brachial, kippend und schräg, provisorisch und ewig imperfekt. Darin liegen ihre Schönheit und ihre Dauer.“
Paul Schwer studierte Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf und parallel Medizin in Strasbourg. Als Kinder- und Jugendpsychiater entwickelte er am Uni-Klinikum Essen das interdisziplinäre Kunstprojekt UNART. Der Meisterschüler von Erwin Heerich erhielt zahlreiche Preise, seine Werke sind auf internationalen Ausstellungen vertreten.
Galerie Schloss Borbeck, Schlossstr. 101, Di-So 14-18.00

Light & Illusion

Die Rü strahlt, nachts wenn die Galerie beleuchtet ist, tagsüber zieht sich das farbige Licht in den hellen Galerieraum zurück. Aber auch hier entfaltet es eine Intensität, die durchaus in Konkurrenz zur Intensität von Tageslicht treten kann. 
Die erste Einzelschau mit Fotografien der Südkoreanerin Sung Won Hong findet in der Galerie Klose statt. Eine ebenso einfache wie komplexe Ausstellung zum Thema Wahrnehmung und Raum ist es, weil Sung nur ein Motiv braucht: ein geradliniges, geometrisches, kubisch, kantig, quadratisches Motiv, um die Magie des Lichts und die Augentäuschung des Betrachters zu entfalten.
Da es das Motiv, das sie für ihre Kunst braucht, nicht gibt, baut sie es sich: aus einfachen Mitteln, einen stereometrischen Raum, den der Betrachter aus klassischer Frontalperspektive mit gleichbleibendem Fluchtpunkt in die Tiefe hinein fixiert. Übersichtlich, schmucklos so scheint es, aber dennoch reagiert der Blick irritiert. Licht unbestimmbarer Herkunft durchströmt den kahlen, kargen, auf seine Form hin reduzierten Raum. Von oben und unten,  von einer und vielen Seiten zugleich kann der Betrachter die Herkunft der diffusen oder stark leuchtenden künstlichen Lichtquelle schwer verorten. Seh- und Raumgewohnheiten werden außer Kraft gesetzt, schwebend oder saugend wird der Blick in den Raum von allen Seiten des Raumkörpers stimuliert. Je nach Lichtfarbe weicht man zurück oder fühlt sich magisch angezogen. Kaltes Neongrün, sanftes Gelb, wärmendes Rot glühendes Karmin und nüchternes Blau verbreiten Stimmungen ganz eigener Art.
In zwei bis drei Formatgrößen stellt Sung ihre Fotografien her, auch hier ist die Wirkung der Farbe und ihrer Kombination interessant. Zu Zweier- oder Vierergruppen gehängt ergeben sich abwechslungsreiche und flexible Varianten, allein und in großem Format entfaltet die Farbe wie ein Solitär ihre Macht. 
Obwohl die Künstlerin in der Galerie Klose in Deutschland ihren Erstauftritt hat, ist sie über die Landesgrenzen hinaus und besonders in Korea bekannt. Das Medium, mit dem sie konzeptionell arbeitet, versteht sie besonders in der Serie Mimesis II mehr als Malerei denn als Fotografie. 
Bis 15.7. 2015, Galerie Klose, Rüttenscheider Str. 221, Mo-Fr 10-18.30, Sa 11-15.00

Dienstag, 16. Juni 2015

Lasst hundert Blumen blühen

Als „Ren Rong, Mr. Ren, nicht Mr. Rong“, stellt sich der chinesische Künstler in perfektem Deutsch und munterem Plauderton vor, „denn in China stehen die Namen andersherum,“ anders als im Deutschen, das der Meister fast ebenso eloquent beherrscht wie sein Galerist. Zu dessen Geburtstag gibt es nun diese besondere Schau im klassisch edlen Ambiente der Galerie, ein Ambiente, das Rens Könnerschaft in passendem Rahmen mit passender Selektion aus seinem Werk würdigt.
Als Ergänzung zu China 8 und anderen Ausstellungen, die Ren derzeit in Museen und Kunstvereinen zeigt, werden hier Arbeiten aus zwei Themenbereichen vorgestellt. Die Mao-Bilder in Holz mit eingeschnittenen floralen Figurationen und Schatten werfende Papierobjekte im Scherenschnitt, dazu klingende Skulpturen aus Edelstahl.
Das zentrale Motiv ist der ausgelassen tanzende Pflanzenmensch, eine Fantasiefigur und Vision für die Verbindung von Mensch und Natur, eine Zukunfts-, Gegenwarts- und Gesellschaftsvision. Mit dieser, vielleicht auch als Alter Ego anzusehenden Figur scheint Ren Rong auch harte Zeiten zu überstehen. Mittlerweile ist er in China hochangesehen, bekannt mit Wei Wei und anderen verfolgten und emigrierten Größen seines Landes und seiner Heimatstadt Peking, wo er derzeit ebenso wie in Bonn ein großes Atelier unterhält. Doch das war nicht immer so. „In meiner Kindheit und Jugend war das Mao Portrait in kahlen Räumen die einzige Dekoration“. Eine Ikone für Hoffnung war es, ein Symbol für Scheitern wurde es, ein ebenso visionäres wie brutales Symbol ist es in der Biografie des Künstlers. Im Portrait des großen Führers auf lackglatter Oberfläche stellt Ren dem großen Führer den Pflanzenmenschen zur Seite. Als Trophäe in der Hand oder den Kopf des Arbeiter- und Bauernführers zierend stellt er eine Widerstands- und Überlebensfigur dar. Mit der Überwindung der gesellschaftlichen Utopie verselbständigt sich diese Figur und belebt in dieser Ausstellung als alleiniges und isoliertes Symbol Rens Kunst. 
Ein frohes, starkes Zeichen ist es für die Kraft des Lebens und die Kraft des Künstlers, schlechte Zeiten zu überstehen. In fein dosierter Aquarellfarbe erinnert es  ausdrucksstark und dynamisch an die Kunst von Matisse. „Lasst hundert Blumen blühen“, der Ausstellungstitel bezieht sich kritisch ironisch auf  Mao, der mit dieser Parole 1956 zur Staatskritik aufrief.
Bis 16.6. 2015, Galerie Goltz, Huyssenallee 85, Do+Fr 15-19, Sa 12-16 Uhr

Samstag, 6. Juni 2015

Aktuelle Chinesische Abstraktion

Noch ist Chinesische Abstraktion kein feststehender Begriff,  könnte es aber werden, wenn das, was in der Galerie Schlag gezeigt wird, auch von musealer Seite kuratiert würde. Eine in sich ruhende, abstrakte chinesische Malerei wird präsentiert, die sich gegen figurativen Polit-Pop und wilde Malgesten ebenso abgrenzt wie gegen aufgeregten Gegenwartsbezug. Es ist eine leise Malerei, die kulturelle und handwerkliche Tradition reflektiert und diese zu einem Statement der Moderne integriert.
17 Künstler, darunter drei Künstlerinnen, stellen ca. 60 Arbeiten aus. Sie spiegeln wider, was derzeit auf dem Kunstmarkt passiert, was gekauft wird, und wonach sich ein Kunde sehnt, der genug hat von lauter Malerei in ausdrucksstarker Farbe. Ausgewogenheit in handwerklich aufwändigen Malprozessen, Ruhe, Geduld und eine vielleicht Zen-buddhistische Gelassenheit kehren mit diesen Arbeiten ein, von denen jede die Mühe, die es kostet, bescheiden verbirgt, eine solche Meisterschaft zu erreichen.
Manche Arbeiten wirken aus der Ferne wie monochrome Flächen. Aus der Nähe erahnt der Betrachter, dass in einem zart farbigen Bleigrau unüberschaubar viele, bis zu 400 Graustufen enthalten sind, die mit- und aufeinander wirken. Andere Bilder leuchten in Rot, Grün oder getrübtem Blau und geben erst dem zweiten Blick preis, dass sie labyrinthartige Liniengeflechte enthalten, ohne Anfang und Ende, ohne Überschneidung und Ziel, außer dem, über Kunst, im Prozess des Arbeitens und des Betrachtens Ruhe zu finden. Vielleicht Demut zu entwickeln, um innezuhalten, sich abzuwenden von Überfluss; um Stille durch Kontemplation oder Sinn in Zweckfreiheit zu finden.
Andere Arbeiten spielen mit der Illusion von Textilem oder wecken haptische Reize. Farbige Linien auf Papier werden so dicht gesetzt, dass die Illusion von Stoff entsteht. Oder daumendicke Ölschichten werden holzschnittartig mit parallelen Kerben überzogen, so dass mit jeder Bewegung des Betrachters vor dem Bild neue, reliefartig plastische Wahrnehmungen entstehen.
Andere Künstler sticken Fäden millimeterfein  in  Leinwände, geometrisch geordnet oder einem diffusen All-Over folgend. Ein besonderes aufwändiges Werk hängt im Eingangsbereich. Es stellt den Schlussakkord einer Serie dar, an deren Ende die Künstlerin einsehen musste, dass eine solch kraftzehrende Arbeit Fortsetzung verbietet. Von Scheitern würde sie nicht sprechen, sondern vom Beschreiten neuer Wege.
Mit dieser Ausstellung ist China IX ist eröffnet, eine perfekte Ergänzung zu den Schwerpunkten, die die Ruhrgebietsmuseen derzeit zeigen.
Bis 8.8.2015, Galerie Schlag, Meisenburgstr. 173, Di-Fr 14-19, Sa 11-16.00
  

Mittwoch, 3. Juni 2015

Zum 4. Mal

zeigt Klaus Kiefer spannende Selbstportraits von Künstlern seiner Galerie, weil „ ich glaube, dass viele bei der malerischen Darstellung des eigenen Gesichts ihre künstlerischen  Möglichkeiten ausschöpfen. Es sind Moment- und Bestandsaufnahmen bestimmter Lebensabschnitte, oft ungeschönt und schonungslos, ... die das Gesicht hinter dem Gesicht zum Vorschein bringen.“
Es ist das etwas andere Portrait, welches hier zum Ausdruck kommt. Eine Portraitauffassung ist es, die nicht auf den schönen Schein abzielt, sondern die Dargestellten in skurrilen, unheimlichen, abgründigen oder lächerlichen Situationen zeigt. Nicht die Totalität eines Menschen steht im Rampenlicht, sondern Ausschnitt- und Facettenartiges, eben der Blick hinter die Kulisse des eigenen Ich. Ein Unterfangen mit offenem Ausgang wird so riskiert, das selbstentworfene Gewissheiten der Persönlichkeit in Frage stellt und dabei auch ganz spielerisch  neue Seiten aufschlägt.
Wie stellen sich die Künstler dar? So, dass er „auf sich selbst neidisch“ wird, sagt Pavel Feinstein, als „Komparse“ , so Heike Feddern, einer rätselhaften Bühnenwelt, disharmonisch, irritierend als Spiegel und Nabel der Welt, als Wunschbild, Zerrbild, Traumbild, Trugbild, heiter, ratlos,  ironisch, launisch, besessen.
Vorteilhaft im herkömmlichen Sinn sind viele der gezeigten Ansichten nicht. Pavel Feinstein stellt sich nackt vor der Staffelei beim Malen dar. Grützke zeigt sich als Titan, der Hitlers Kopf mit einem Stößel zermalt. Yongbo Zhao liegt sternhageltrunken zwischen Bierflaschen und peinigenden Dämonen, die ihn im Albtraum umkreisen. Bettina Moras begegnet uns hochschwanger in Rot mit Augen à la Modersohn-Becker, André Schultze dagegen tritt als bärtiger Gimpel auf, aus dessen zartem Gefieder der Kopf des Künstlers ragt.   
Bis 10.6., Galerie KK, Rüttenscheider Str. 56, Di-Fr 11-18.30, Sa 11-13.30
Vom 7.6.-27.9.2015 zeigt die Zitadelle Berlin in Zusammenarbeit mit der Galerie KK 11 Berliner Künstler/innen mit leidenschaftlichen Ansichten des Homo Sapiens, in der Ausstellung „Sei Realist – sei Berliner!“,  eine Ausstellung fern vom Mainstream und Dekorativen.