Samstag, 19. September 2015

Walpurgisnacht

Heike Feddern entfaltet ihre „Walpurgisnacht“ in der Galerie Klaus Kiefer. Das großformatige, programmatische Gemälde mit monumentalem Inhalt sorgt für den eindrucksvollen Auftakt ihrer Schau, voll von abenteuerlich bizarren, fantastisch skurrilen Details. Mutationen und Metamorphosen von Mensch und Tier, Organischem und Anorganischem, die Kombination von Märchen, Fiktion und Wirklichkeit, von Ekel, Schauder, Possierlichem, angesiedelt in der Gemengelage zwischen Schock und Humor, das alles beherrscht die Künstlerin perfekt. Fabulierend in Erzählkontexten oder in Einzelmotiven isoliert verbindet sie nicht Zusammengehöriges zu einer prallen, bisweilen barock anmutenden Bildsprache, die Stile virtuos vermischt und viel zu entdecken aufgibt in dem relativ kleinen Raum der Galerie. 
Wie in einem Dix’schen Triptychon marschieren Figuren auf: Faust - oder ist es Mephisto? als Junker im edlen Gewand betritt die Szenerie, einen Totenkopf unter dem Arm, bereit, sich auf das unflätige Treiben in der Hexenküche einzulassen, dort wo es brodelt, hurt und saut. 
„Rühr mich an“, ein Bild der eher stilleren Art, zeigt ein madonnenartiges Mädchen, mit hochgetürmtem Kakteenhut und Stachelhalsband, daneben hängt eine Affenfrau, üppig dekolletiert mit Blumenbouquet und noch lebendigem Opferlamm. Die „Flucht“ stellt einen langbeinigen Insektenkäfer mit kostbarem Kamelsattel dar, auf dem sich Bücher, Puppen, Totenköpfe, Aktenordner und Blumen stilllebenuntypisch türmen. „Stummer Schreck“ ist eine Vogelscheuche, die Metamorphose aus Puppe, Fetisch, Mensch und Tier, den Mund zum Schrei geöffnet, darauf eine hauchdünne Membran mit Stecknadeln getackert. Ein aufgehängter Rabe, ein Äffchen mit vampirähnlichen Zähnen, Blumen mit stumm blickenden Augen gesellen sich dazu. Es wirkt, als würden Motive aus Märchen, die kollektiv Verdrängtes bergen, nach ihrem Schöpfer greifen und nach dem, der an  sie glaubt.

„Ein Motiv gesellt sich zum nächsten“, verrät die Künstlerin. Oft sind es alte, traditionelle, Angst beschwörende und beschwichtigende Motive, die sich in die Gegenwart hinein entwickeln und aufbäumen gegen die Verschleierung von Wirklichkeit.

Bis 17.10.2015, Galerie Klaus Kiefer, Rüttenscheider Str. 56, Di-Fr 11-18.30, Sa 10-14.00

For your eyes only

... verspricht Ivo Lucas mit seiner aktuellen Schau in der Galerie Goltz+Noelte, wo er homogene, ausgereifte, meist großformatige Bilder in Mischtechnik zeigt.
So komplex wie der Inhalt ist die Malweise: Pigmente, Lack, Öl-, Acrylfarbe und grafische Elemente, setzt Lucas ein, um vielschichtige Narration zu entfalten. Gemalt, gedrippt, gesprüht, pastos, transparent, frei fließend oder akkurat konturiert entwickelt er die Farbe, entfaltet Kontraste mit kleinen Akzenten und einen eher harmonischen Farbklang im Gesamteindruck. Die Vielfalt der Techniken auf der flachen Leinwand geht mit dem Inhalt der Erzählung eine tiefgründige, wundersam zeitfremde Synthese ein. Einen Erzählstrang nach dem anderen faltet der ehemalige Rissa und Oehlen-Meisterschüler auf: Kunst-, Sozialgeschichte, Zeitgenössisches, Historisches, Alltägliches, Banales, Surreales, sowie Anspielungen auf Märchen und Werbewelt werden in großen Räumen mit Einblicken, Durchblicken und Tiefen collagiert.
Die Ausstellung zeigt auch, welche ästhetischen Möglichkeiten aus verlorenem Terrain wachsen können. Ein spießiges, bürgerlich beengtes Wohnzimmer der frühen Siebziger, eine Anspielung auf die Geburtsstunde des Künstlers vielleicht, draußen glutroter Abendhimmel, im TV ein poppiges Liebespaar, im verschatteten Profil der Künstler mit seinem futuristischen Modell, halb Domina, halb Lichtgestalt, ein Model, deren pygmalionartige Aura dem Raum einen auratischen Goldschimmer versetzt.
Viele Bilder gleichen einem visuellen Laboratorium, auch wenn das Setting ein banales ist. So wie der Raum, den jeder hat, eine Toilette, in der Ivo Lucas sein kryptologisches Alphabet inszeniert und logische Zuordnungen wie bei einem modernen Einstellungstest verlangt. Kleine geometrische Formen in unterschiedlichen Farben bilden Buchstaben für visuelle Sprechblasen. Der Apfel in der Hand von Dürers Eva, der Totenkopfapfel, der Blick Schneewittchens in den Spiegel, dazu Andeutungen an den Hof der Medici, wo man den vergifteten Apfel so mit  zu teilen wusste, dass der Meuchelmörder bei bester Gesundheit blieb.26
Wundern Sie sich nicht, wenn auf Kunstmessen Besucher vor Ivo Lucas Bildern mit dem Handy hantieren! Manche Formen lassen das Bild mit seiner dritten Dimension erst aus der Entfernung oder eben fotografiert entstehen. Aus der Nähe erkennt man Farben und Formen und fragt sich, wie das Bild im Kopf des Betrachters entsteht. Natürlich nur mit Distanz.
In der Galerie Goltz in der Huyssenallee 85 ist weiterhin Ren Rong zu sehen und im Sheraton Hotel Essen eine Ausstellung mit vier chinesischen Künstlern der Galerie.
bis 2.10.2015, Kunst-raum schulte-golltz+noelte, Rüttenscheider Str. 56, Di-Fr 12-19, Sa 10-16 Uhr u.n.V.